Die Äusserungen fielen in der ersten Folge des Podcasts „October 8“, der von Rom Braslavski moderiert wird. Braslavski war selbst im Gazastreifen eine Geisel des Palästinensischen Islamischen Dschihad. Die Folge wurde am Samstagabend veröffentlicht, berichtet die Jerusalem Post.
„Ich bin der Ansicht, dass wir im Gazastreifen gezielte Tötungen durchführen und jede Nacht 30 bis 40 ausschalten sollten“, sagte Ben Gvir laut Times of Israel. Israel dürfe sich dabei nicht darauf beschränken, „nur diejenigen zu treffen, die uns gerade bedrohen“:
„Nein, es gibt dort Menschen, die es nicht verdienen zu leben. Sie sollten nicht leben. Sie sind nicht einmal Menschen.“
Ben Gvir bezeichnete dies als gezielte Tötungen und nicht als wahllose Angriffe. Gleichzeitig lehnte er es ausdrücklich ab, die Ziele auf Personen zu beschränken, von denen eine akute Bedrohung ausgeht. Auch Bewohner des Gazastreifens, die manche als „unbeteiligt“ betrachten würden, sollten nicht verschont werden.
Über eine Frau, die Braslavski während seiner Gefangenschaft mit Essen versorgt hatte, sagte der Minister, sie sei „in jeder Hinsicht eine Terroristin“. Zugleich sprach er sich für jüdische Siedlungen im gesamten Gazastreifen und für die Förderung der Auswanderung aus. Den „Terroristen“ dürfe die Auswanderung jedoch nicht erlaubt werden: Man solle „sie einfach einen nach dem anderen töten“.
Ben Gvir gehört dem israelischen Sicherheitskabinett an, besitzt jedoch keine Befehlsgewalt über das Militär und kann keine Angriffe anordnen. Zu Beginn des Gesprächs betonte er zudem, dass er mit der Kriegsführung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht einverstanden sei.
Von Israels Freunden verurteilt
Die Äusserungen haben auch unter Unterstützern Israels scharfe Kritik ausgelöst. Sie reihen sich in eine Serie von Kontroversen ein, aufgrund derer sowohl Regierungskollegen als auch israelische Zeitungen den Minister wiederholt scharf angegriffen haben.
Die demokratische US-Senatorin Jacky Rosen, die amerikanische Waffenlieferungen an Israel stets unterstützt hat, bezeichnete die Äusserungen als „abscheulich und vollkommen unvertretbar“. Ben Gvir müsse aus der Regierung entfernt werden. Zugleich forderte sie Netanjahu auf, die Aussagen zu verurteilen und Israels Verpflichtung zum Schutz der Zivilbevölkerung erneut zu bekräftigen.
Die Kritik folgt einem bekannten Muster. Als Ben Gvir im Mai ein Video veröffentlichte, in dem er gefesselte Aktivisten der Gaza-Flottille verhöhnte, distanzierte sich Netanjahu und erklärte, das Verhalten entspreche „nicht den Werten und Normen Israels“.
Aussenminister Gideon Sa’ar ging noch weiter. Er warf seinem eigenen Regierungskollegen vor, dem Staat Israel bewusst zu schaden, und stellte klar, Ben Gvir sei „nicht das Gesicht Israels“.
Die Jerusalem Post, eine der führenden englischsprachigen Zeitungen Israels, schrieb bereits 2024 in einem Leitartikel, es sei „für jeden, der in Israel lebt, offensichtlich“, dass Ben Gvir für das Amt des Ministers für nationale Sicherheit ungeeignet sei. Seine Versuche, die Polizei zu politisieren, gefährdeten die Stabilität Israels.
Nach dem Vorfall mit der Flottille schrieb die Zeitung im Mai, Ben Gvir vernachlässige „immer wieder“ seine Verantwortung als Minister, um mit Videos in den sozialen Medien seine politische Basis zu bedienen. Damit liefere er Israels Kritikern genau jene Bilder und jene Rhetorik, die sie sich wünschten.
Auch jüdisch-amerikanische Organisationen haben vor Ben Gvir gewarnt. Carole Nuriel, die damalige Israel-Direktorin der Anti-Defamation League, erklärte 2022, noch bevor Ben Gvir Minister wurde, ihre Organisation sei seit Langem „zutiefst besorgt“ über die Normalisierung eines von Meir Kahane inspirierten Extremismus in der israelischen Gesellschaft. Sein Eintritt in die Regierung würde „die Grundprinzipien Israels untergraben“.
Wer ist Ben Gvir?
Itamar Ben Gvir (50) ist Vorsitzender der Partei Otzma Jehudit („Jüdische Stärke“), deren ideologische Wurzeln in der Kach-Bewegung des Rabbiners Meir Kahane liegen.
Ben Gvir wurde 2007 in Israel wegen Aufstachelung zum Rassismus und wegen Unterstützung einer Organisation verurteilt, die damals sowohl auf der israelischen als auch auf der amerikanischen Terrorliste stand. Die USA entfernten Kach und Kahane Chai im Mai 2022 von ihrer Liste ausländischer Terrororganisationen. Ben Gvir erklärte später, er unterstütze nicht länger die von Kahane geforderte Vertreibung sämtlicher Araber.
Ben Gvir wurde 2021 in die Knesset gewählt. Im Dezember 2022 übertrug ihm Netanjahus Regierung als Minister für nationale Sicherheit die Verantwortung für die Polizei. Im Januar 2025 zog er seine Partei aus Protest gegen das Waffenstillstandsabkommen mit der Hamas aus der Regierung zurück. Er bezeichnete die Vereinbarung als „unverantwortlich“, kehrte später jedoch in sein Amt zurück. Frankreich und Irland haben ihm die Einreise verweigert.
Wenn die Kritik ihr Ziel verfehlt
Gerade weil Ben Gvir selbst extreme Äusserungen macht, besteht keinerlei Notwendigkeit, ihm Dinge zuzuschreiben, die er weder gesagt noch getan hat. Dennoch haben internationale Medien genau dies wiederholt getan.
Als Ben Gvir im Januar 2023 den Tempelberg in Jerusalem besuchte, schrieb das Time Magazine, er habe die Al-Aqsa-Moschee besucht. Das ist nachweislich falsch. Ben Gvir folgte dem schmalen Weg, den Juden auf dem Gelände benutzen dürfen, und betrat zu keinem Zeitpunkt das Moscheegebäude. Nach einem Hinweis der Medienbeobachtungsorganisation HonestReporting musste Time eine Korrektur veröffentlichen.
Im August 2024 beging Forbes denselben Fehler bei der Berichterstattung über einen späteren Besuch. Die Unterscheidung ist keine Pedanterie: Behauptungen, die Al-Aqsa-Moschee sei „in Gefahr“, haben in der Vergangenheit wiederholt als Auslöser für Terroranschläge gedient.
Im selben Monat musste Reuters einen Bericht korrigieren, in dem Zitate so miteinander verbunden worden waren, dass der Eindruck entstand, Ben Gvir habe den Bau einer Synagoge auf dem Tempelberg angekündigt. Tatsächlich hatte er lediglich eine hypothetische Frage bejaht, ob er sich eine Synagoge an diesem Ort wünschen würde. Nach einer Intervention der Medienbeobachtungsorganisation CAMERA änderte Reuters die Formulierung.
Nicht jede Unklarheit ist allerdings auf die Medien zurückzuführen. Als Ben Gvir im Januar 2024 laut einer Mitteilung seines eigenen Büros die Grenzpolizei dazu aufforderte, auf jeden „Terroristen“ zu schiessen, den sie sehe – „selbst wenn er dich nicht bedroht“ –, behauptete der Minister anschliessend, sein eigenes Büro habe ihn falsch zitiert. Er habe „bewaffneter Terrorist“ gesagt.
🟦 MIFF kommentiert
MIFF ist parteipolitisch unabhängig und ergreift weder in Europa noch in Israel Partei für bestimmte Parteien oder Politiker.
Der vorliegende Fall zeigt, dass Ben Gvirs Äusserungen von Mitgliedern der israelischen Regierung, von israelischen Medien und von Freunden Israels in aller Welt scharf kritisiert werden. Zugleich haben sich einzelne Anschuldigungen gegen ihn in internationalen Medien als sachlich falsch erwiesen.
Kritik an Ben Gvir braucht keine Übertreibungen. Präzision muss in beide Richtungen gelten.
Conrad Myrland, Geschäftsführer von MIFF International, äusserte sich am Montag, dem 17. August, gegenüber der Zeitung Dagen zu Ben Gvirs jüngsten Aussagen:
„Sie reihen sich in eine ganze Serie extremistischer Äusserungen Ben Gvirs ein. Deshalb gibt es nur sehr wenige, die ihn ernst nehmen. Glücklicherweise bestimmt er nicht, wie die IDF kämpfen“, sagte Myrland.
Die Einsätze der IDF im Gazastreifen richten sich gegen Terroristen und erfolgen gemäss den Einsatzregeln der israelischen Streitkräfte. Hamas, Islamischer Dschihad und andere Terrororganisationen sind in dem Gebiet weiterhin aktiv. Israel betrachtet es als sein Recht, gegen jene Terroristen vorzugehen, die an der Invasion und den Massakern vom 7. Oktober 2023 beteiligt waren.
Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörden im Gazastreifen wurden in den 312 Tagen seit Inkrafttreten der Waffenruhe am 10. Oktober 2025 rund 1265 Menschen im Gazastreifen getötet. Das entspricht gut vier Todesopfern pro Tag – gegenüber den von Ben Gvir geforderten 30 bis 40.
Die Zahlen zeigen deutlich, dass Ben Gvir die Verteidigungseinsätze der IDF im Gazastreifen nicht bestimmt.


