Zwischen dem 7. Oktober 2023 und November 2025 starben laut Physicians for Human Rights 98 palästinensische Gefangene. Dieselbe Organisation gab gleichzeitig an, dass sich etwas mehr als 10’000 Palästinenser in israelischer Haft befanden; diese Zahl deckt sich weitgehend mit Angaben anderer Organisationen. Daraus ergibt sich eine geschätzte jährliche Sterblichkeitsrate von 0,46 Prozent.
Diese Zahlen klingen hoch – wenn man keinen Vergleich hat.
In Grossbritannien wurden 2025 insgesamt 394 Todesfälle unter rund 85’000 Gefangenen registriert. Das entspricht ebenfalls einer Sterblichkeitsrate von 0,46 Prozent. In Schottland lag die Rate laut BBC im Jahr 2022 bei 0,59 Prozent. Deutschland registrierte 2021 238 Todesfälle unter 59’000 Häftlingen, was 0,40 Prozent entspricht. Frankreich schneidet mit 0,34 Prozent etwas besser ab.
Norwegen hat international den Ruf, eines der sanftesten Strafvollzugssysteme der Welt zu besitzen. Dennoch gab es dort in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich sieben Todesfälle pro Jahr in Gefängnissen. Bei einer Gefängnispopulation von meist rund 3’000 Insassen ergibt dies eine jährliche Sterblichkeitsrate von 0,23 Prozent.
Trotz der Tatsache, dass palästinensische Gefangene in israelischer Haft häufig in den Hungerstreik treten und viele bei ihrer Festnahme Verletzungen aus Kriegshandlungen aufweisen dürften, bewegt sich die Sterblichkeitsrate ungefähr im europäischen Durchschnitt.
Vergleiche mit anderen Ländern des Nahen Ostens sind schwieriger, weil verlässliche Daten oft fehlen. Die Syrian Observatory for Human Rights dokumentierte während des Bürgerkriegs 76’640 Todesfälle unter Gefangenen, geht jedoch von einer tatsächlichen Zahl von mindestens 105’000 aus. Schätzungen zur Anzahl der Gefangenen schwanken zwischen 130’000 und 215’000. Daraus ergibt sich eine jährliche Sterblichkeitsrate zwischen 2,7 und 7,3 Prozent.
Im Iran machten allein Hinrichtungen im Jahr 2025 0,86 Prozent aller Gefangenen aus, während Saudi-Arabien im selben Jahr 0,52 Prozent seiner Gefangenen hinrichtete. Gemäss offiziellen türkischen Berichten – sofern man ihnen Glauben schenken will – weist die Türkei eine niedrigere Sterblichkeitsrate unter Gefangenen auf als norwegische Gefängnisse, hat dafür jedoch eine extrem hohe Zahl an Inhaftierten: über 400’000.
Von pro-palästinensischer Seite gab es Versuche, palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen mit den entführten Israelis im Gazastreifen gleichzusetzen und sie als «Geiseln» zu bezeichnen. Doch wie behandelte Hamas ihre eigenen «Gefangenen»? Rund 20 Prozent der entführten Israelis starben in Gefangenschaft, während die durchschnittliche Haftdauer weniger als ein Jahr betrug. Das bedeutet, dass die Sterblichkeitsrate in Gefangenschaft im Gazastreifen in diesem Zeitraum mindestens fünfzigmal höher lag als bei palästinensischen Gefangenen in Israel.


