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Historiker über den Kampf gegen Holocaustleugnung: „Ich bin vollständig gescheitert“

Illustration, erstellt mithilfe künstlicher Intelligenz (ChatGPT)
Der britische Historiker Niall Ferguson hält die traditionelle Überprüfung von Fakten angesichts einer neuen Form der Holocaustleugnung für weitgehend machtlos. Algorithmen, KI-generierte Inhalte und Bots verbreiten und normalisieren Judenhass wesentlich schneller, als Historiker ihn widerlegen können, schreibt er gemeinsam mit dem KI-Forscher John-Clark Levin.

Die Analyse mit dem Titel The Death of History ist im amerikanischen Onlinemagazin The Free Press erschienen.

Ferguson hat einen grossen Teil seiner Karriere der Vermittlung der Lehren aus dem 20. Jahrhundert gewidmet – unter anderem mit Büchern über die Familie Rothschild und die beiden Weltkriege, Studien über die deutsche Hyperinflation und ihre Auswirkungen auf die Weimarer Republik sowie mehr als 30 Stunden dokumentarischer Fernsehsendungen für PBS, BBC und Channel 4.

„Mein Ziel bestand darin, sicherzustellen, dass die Bürger die Lehren der Geschichte verstanden – darunter die entscheidende Erkenntnis, dass antisemitische Rhetorik in Völkermord umgesetzt werden kann, wenn sie von einem modernen Staat übernommen wird. Dennoch muss ich heute mitansehen, wie dieser Hass normalisiert und der Holocaust verharmlost wird“, schreibt Ferguson.

Ferguson nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er beschreibt, wo dieser Hass inzwischen Fuss gefasst hat.

„Populäre und einflussreiche Konservative wie Tucker Carlson und das Umfeld der CPAC [Conservative Political Action Conference, Anm. d. Red.] tolerieren inzwischen Menschen, die nationalsozialistischen Revisionismus betreiben. Und das Gift, das Radikalisierer wie Nick Fuentes unter jungen Konservativen verbreiten, ist noch schlimmer als die traditionelle Holocaustleugnung. Sie leugnen den Holocaust nicht so sehr, wie sie ihn verhöhnen und verherrlichen“, schreibt er.

„Der Historiker muss eingestehen: Ich bin vollständig gescheitert“, fährt Ferguson fort.

Von zerknitterten Briefumschlägen zu Millionen Aufrufen

Von den 1960er-Jahren bis in die 2000er-Jahre hinein war Holocaustleugnung den Autoren zufolge ein Randphänomen – Geschichtsfälschung durch Sonderlinge, die selbstverlegte Broschüren verbreiteten. Gerade weil die Leugner konkrete Tatsachenbehauptungen aufstellten, konnten seriöse Wissenschaftler diese widerlegen. Die Autoren verweisen auf den Gerichtsprozess im Jahr 2000, bei dem der Historiker David Irving seine Verleumdungsklage gegen Deborah Lipstadt verlor, nachdem Fachleute seine Geschichtsfälschungen umfassend dokumentiert hatten.

Mit der Podcast-Welle Ende der 2010er-Jahre entstand jedoch etwas, das die Autoren als „Anti-Geschichte“ bezeichnen: eine neue Form der Leugnung, die auf Quellenangaben verzichtete und stattdessen auf frei dahinfliessende YouTube-Monologe setzte. Als Beispiel nennen sie Darryl Cooper, den Tucker Carlson 2024 als den „besten und ehrlichsten populären Historiker“ der USA vorstellte. Cooper behauptete, Churchill sei der „Hauptschurke“ des Zweiten Weltkriegs gewesen. Die Nationalsozialisten hätten lediglich die logistischen Folgen der Gefangennahme von Millionen Menschen falsch eingeschätzt und diese deshalb „human“ getötet, um ihnen den Hungertod zu ersparen.

Die heutigen Influencer der TikTok-Generation sind Ferguson und Levin zufolge noch einen Schritt weiter gegangen: Sie leugnen nicht mehr in erster Linie, dass der Holocaust stattgefunden hat – sie machen ihn lächerlich und verherrlichen ihn.

„Ja, wir mögen Hitler“

Die Autoren zitieren Myron Gaines, einen führenden Influencer der sogenannten Männerrechtsbewegung, dessen Videos allein auf YouTube mehr als eine Viertelmilliarde Mal aufgerufen wurden. Im Oktober vergangenen Jahres schrieb er auf X: „Ja, wir mögen Hitler. Niemanden interessiert mehr, was ihr woken Juden denkt. [Hitler] war ein revolutionärer Führer und rettete Deutschland. Die Juden erklärten Deutschland zuerst den Krieg.“

In einer Folge von Gaines’ Podcast Fresh&Fit aus dem Jahr 2025 ging es um den Einfluss von Juden in den heutigen USA. Gaines’ Co-Moderator Walter Weekes fragte: „Wie bringen wir sie zu Fall?“ Der Gast Kadriyanna James antwortete: „Wir müssen die Bastarde töten.“ Das Originalvideo wurde gelöscht, Ausschnitte daraus verbreiteten sich jedoch viral in den sozialen Medien, schreiben die Autoren.

Die meisten jungen Männer begriffen allerdings, dass offen blutrünstige Stimmen wie diese nicht zu den Guten gehören könnten, betonen die Autoren. Und genau hier komme Nick Fuentes ins Spiel.

Der 27-jährige Streamer inszeniert sich als historisch gebildeter Verkünder unbequemer Wahrheiten. Er verfügt über rund eine Million Anhänger und sendet an fünf Abenden pro Woche mehrstündige Livestreams. Fuentes hat erklärt, „Hitler war grossartig“ und „der Holocaust hat nicht stattgefunden“. Er verpackt solche Aussagen jedoch in Ironie, Memes und Popkultur, sodass sein Publikum den Hass als internen Scherz behandeln kann.

„Es geht in erster Linie nicht darum, die Menschen von einer Tatsachenbehauptung zu überzeugen. Sie sollen vielmehr das gesamte Thema als moralisch belanglos abtun und diejenigen, denen die Verbrechen der Nationalsozialisten wichtig sind, als weltfremde Moralisten betrachten“, schreiben die Autoren.

Holocaustzeugnis bei Piers Morgan verhöhnt

Wie dies in der Praxis funktioniert, illustrieren die Autoren anhand von Fuentes’ Auftritt beim britischen Moderator Piers Morgan im Dezember vergangenen Jahres. Morgan konfrontierte seinen Gast mit dessen früheren Äusserungen zur Holocaustleugnung. Fuentes schien daraufhin seine Meinung zu ändern: „Es waren mindestens sechs Millionen“, sagte er mit unbewegter Miene. „Aber es könnten auch hundertmal so viele gewesen sein.“ Morgan habe den Sarkasmus nicht erkannt, schreiben die Autoren.

Als Morgan einen älteren Ausschnitt abspielte, in dem Fuentes Witze machte, die den Holocaust verharmlosten, und empört fragte, ob er das lustig finde, lächelte Fuentes nur und erwiderte: „Wieso, noch zu früh?“

Anschliessend zeigte Morgan einen Ausschnitt mit dem britischen Journalisten Danny Finkelstein. Dieser berichtete, Hitler habe versucht, seine Mutter verhungern zu lassen, und seine Grossmutter tatsächlich verhungern lassen. Fuentes antwortete höhnisch: „Meine Generation hat genug vom Moralismus“, und äffte Finkelstein mit singender Stimme nach: „Meine Mama! Meine Mama! Meine Mama wurde von Hitler getötet!“

Ausschnitte aus diesem Wortwechsel überschwemmten noch in derselben Nacht die sozialen Medien, schreiben die Autoren. Aus dem Zusammenhang gerissen vermittelten die Clips auf TikTok und Instagram keinerlei historische Argumentation. Was Millionen Menschen sahen, war ein junger, frecher und charismatischer Aussenseiter, der einen Moderator vorführte, der mit dem Establishment der Boomer-Generation identifiziert wurde.

Algorithmen und Bots erzeugen die Illusion eines Konsenses

Nichts davon wäre ohne algorithmisch gesteuerte Medien möglich, meinen Ferguson und Levin. Die KI-Systeme der Plattformen seien darauf trainiert, das Engagement zu maximieren. Deshalb spielten sie provokative Inhalte systematisch gerade jenen Nutzern aus, die dafür besonders empfänglich seien.

Die Autoren beschreiben, wie KI-generierte Bilder, Deepfake-Videos und – seit 2024 – ins Englische übersetzte Hitlerreden mit der Stimme des Diktators viral gehen. Als die beiden versuchsweise einige wenige rechtsgerichtete TikTok-Videos ansahen, bestanden sechs der nächsten zehn vom Algorithmus vorgeschlagenen Videos aus Hitlerreden.

Hinzu kommt eine wachsende Armee KI-gesteuerter Bots, die Kommentarspalten mit hasserfüllten Aussagen füllen und den Eindruck erwecken, „alle“ seien derselben Meinung.

„Insbesondere bei jungen Menschen verleiht der Anblick einer grossen Menge, die solche Botschaften bestätigt, diesen Legitimität. Zugleich entsteht bei denjenigen, die sich anschliessen, ein Gefühl der Zugehörigkeit“, schreiben die Autoren.

Die Ergebnisse sind dem Artikel zufolge alarmierend: 18 Prozent der amerikanischen Wähler zwischen 18 und 22 Jahren sind der Ansicht, die jüdische Gemeinschaft habe einen negativen Einfluss auf die USA ausgeübt. Unter den über 45-Jährigen sind es rund 6 Prozent. Von den jungen Menschen, die sich als „extrem konservativ“ bezeichnen, stimmten 64 Prozent mindestens einer antisemitischen Aussage zu.

Andere Untersuchungen bestätigen das Bild

Die Zahlen, auf die sich Ferguson und Levin berufen, fügen sich in ein umfassenderes Bild ein.

Eine 2020 von der Claims Conference unter amerikanischen Millennials und Angehörigen der Generation Z durchgeführte Untersuchung ergab, dass 63 Prozent nicht wussten, dass sechs Millionen Juden während des Holocaust ermordet wurden. Fast die Hälfte, nämlich 48 Prozent, konnte kein einziges Konzentrationslager, Vernichtungslager oder Ghetto nennen. Während 44 Prozent Auschwitz kannten, waren lediglich 6 Prozent mit Dachau vertraut. Zehn Prozent gaben an, der Holocaust habe nicht stattgefunden, oder erklärten, sie seien sich dessen nicht sicher. Die Untersuchung erhielt neue Aufmerksamkeit, als das Magazin Washington Monthly sie im Juni dieses Jahres zur Beleuchtung des Antisemitismusproblems der Generation Z heranzog.

Eine aktuellere Erhebung der Organisation Blue Square Alliance Against Hate unter mehr als 7.000 amerikanischen Erwachsenen im März und April 2026 ordnete 30 Prozent der Befragten der Kategorie antisemitischer Einstellungen zu – gemessen nach den Kriterien der Organisation. Dies war der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2023. Unter den jüngsten Befragten im Alter von 18 bis 29 Jahren waren fast 29 Prozent der Ansicht, Juden stellten eine Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. In der ältesten Altersgruppe waren es 13 Prozent.

Auch weltweit ist das Bild düster: Eine globale Untersuchung der Anti-Defamation League vom Januar 2025 ergab, dass jeder fünfte Befragte überhaupt nichts über den Holocaust wusste.

„Es gibt nichts zu widerlegen“

Ferguson und Levin weisen darauf hin, dass die Gegenmassnahmen der Plattformen nicht funktionierten. Das Center for Countering Digital Hate (CCDH) schätzte, dass zwischen Februar 2024 und Januar 2025 fast 680.000 antisemitische Beiträge auf X veröffentlicht wurden, die wahrscheinlich gegen die eigenen Regeln der Plattform verstiessen. Zusammen erzielten diese Beiträge 193 Millionen Aufrufe. Von den 100 meistgesehenen Beiträgen mit Holocaustleugnung waren lediglich zwei mit einem sichtbaren Faktencheck-Hinweis versehen.

Die Autoren meinen, die Welt stehe vor der bislang schwersten Herausforderung für die westliche Meinungsfreiheit: einem KI-gesteuerten Angriff auf die historische Wahrheit.

„Wenn Holocaustleugnung in Form acht Sekunden langer Selfie-Videos direkt in die Sehrinde gestreamt wird, gibt es nichts zu widerlegen und keine Gegenargumente vorzubringen“, schreiben sie.

Eine einfache Lösung gebe es nicht, räumen die Autoren ein. Sie verweisen auf die Notwendigkeit von Technologien, die im Internet echte Menschen von Bots unterscheiden können. Das tiefere Problem sei jedoch menschlicher Natur: Die Algorithmen spiegelten und verstärkten unsere eigenen Laster.

„Wir glaubten naiv, dass die Holocaustleugner vom Feld verschwinden würden, wenn wir nur die richtigen Archive aufsuchten, die richtigen Dokumente läsen und sie mit den richtigen Fussnoten zusammenfassten. Was waren wir doch für Narren“, schliessen Ferguson und Levin.