Der Film von Moshe Rosenthal erzählt von einem zwölfjährigen Jungen, der in den 1980er-Jahren, auf dem Höhepunkt der HIV-Krise, ein Geheimnis über seinen Vater entdeckt. Er ist Israels offizieller Oscar-Beitrag. Wie das US-Branchenmagazin Variety berichtet, sagte das Genfer Queer-Festival «Everybody’s Perfect» die beiden geplanten Vorführungen am Montag ab, kurz vor dem Festivalbeginn am 9. Oktober. Vorausgegangen war eine E-Mail des Genfer Festivals Palestine, Filmer C’est Exister. Unterstützt wurde die Kampagne von BDS Genf, einer studentischen Palästina-Gruppe der Universität Genf sowie den Gruppen CRAQ und Marad. Pikant dabei ist, dass beide Festivals teilweise von der Stadt Genf finanziert werden.
Bemerkenswert ist auch das Vorgehen der Festivalleitung. Laut Variety verlangte sie von Rosenthal eine Stellungnahme zur israelischen Regierung und zum „Krieg in Palästina“. Rosenthal und seine Produzenten erklärten umgehend, sie verträten nicht die Regierung und unterstützten deren Politik nicht. Abgesetzt wurde der Film trotzdem. Die künstlerische Leiterin Sylvie Cachin sagte gegenüber Le Courrier, man habe lediglich eine Kontroverse vermeiden wollen. Die Kommunikationsverantwortliche Charlotte Spector nannte den Werk gegenüber Variety einen „wunderschönen Film“, der mit dem Gaza-Krieg nichts zu tun habe. In der Absage an die Filmemacher distanzierte sich das Festival sogar ausdrücklich von dem „Angriff“, beugte sich ihm aber dennoch.
Der Fall reiht sich ein in eine Serie von Boykotten gegen israelische Künstler, die selbst regierungskritische Stimmen trifft. So wurde der im französischen Exil lebende Regisseur Nadav Lapid diesen Sommer aus der Jury des Festivals FID Marseille entfernt. Die Produzenten von „Tell Me Everything“ stellten gegenüber Variety die naheliegende Frage, ob man auch iranische oder amerikanische Filmemacher zu Erklärungen über ihre Regierungen zwingen würde. Dass ausgerechnet ein queeres Festival, dessen diesjähriges Leitthema „Amours“ lautet, einen Film über die Aids-Krise verbannt, zeigt wohl etwas, worum es den Boykotteuren geht.



