Vier Monate nach dem Ende der intensivsten Kriegshandlungen zwischen Israel und dem Iran im April zeigen neue Einschätzungen der israelischen Streitkräfte (IDF) und des Mossad, dass sich der Iran militärisch deutlich schneller erholt als erwartet.
Laut einem exklusiven Bericht der Zeitung The Jerusalem Post beobachten israelische Analysten derzeit einen unerwartet schnellen Wiederaufbau in mehreren Bereichen des iranischen Militärs. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Produktion ballistischer Langstreckenraketen.
Es ist nicht das erste Mal, dass der israelische Nachrichtendienst von der Fähigkeit des Regimes überrascht wird, seine Produktion rasch umzustellen. Seit Ende 2024 musste die IDF ihre Einschätzungen zur iranischen Produktionskapazität mehrmals nach oben korrigieren:
- Oktober 2024: Israel griff 20 militärische Ziele im Iran an. Nach dem Angriff schätzte die IDF, dass die iranische Raketenproduktion um mehr als ein Jahr zurückgeworfen worden sei.
- Januar 2025: Bereits kurze Zeit später stellte die IDF jedoch fest, dass das frühere Produktionstempo vollständig wiederhergestellt worden war. Daraufhin wurden geplante Gegenmassnahmen vorgezogen.
- Juni 2025: Israel griff rund 100 militärische Ziele mit erheblich grösserer Schlagkraft als zuvor an. Die IDF ging davon aus, die iranische Raketenproduktion weit zurückgeworfen zu haben. Dennoch wuchs das iranische Arsenal von rund 1300 Raketen im Juni 2025 auf 2500 im Februar 2026.
- Frühjahr 2026: Während des 40 Tage dauernden Krieges führten die USA und Israel mehr als 30’000 Angriffe auf über 2600 militärische Ziele im Iran durch. Obwohl weite Teile der iranischen Militärindustrie Schäden von bis zu 3000 Milliarden norwegischen Kronen erlitten, zeigen neue Berichte, dass das Regime seine Kapazitäten bereits wieder aufbaut.
Einfallsreiche Lösungen und rasche Wiederaufnahme der Produktion
Hochrangige Analysten weisen darauf hin, dass Teheran seine Ressourcen vorrangig für offensive Waffensysteme einsetzt – zulasten der übrigen Infrastruktur des Landes und der Bedürfnisse der Bevölkerung.
Der Iran hat mithilfe schwerer Baumaschinen unterirdische Raketenanlagen wieder geöffnet. Unabhängige Quellen bestätigen zudem, dass die Produktion neuer Raketen bereits wieder in einem Umfang angelaufen ist, den vor wenigen Monaten kaum jemand vorausgesehen hatte.
Sollte der Iran erneut ein Produktionsniveau von 100 bis 300 ballistischen Raketen pro Monat erreichen, könnte er bis Mitte 2027 wieder über jene Kapazitäten verfügen, die er im Juni 2025 besass. Gegen Ende des Jahrzehnts könnte die Zahl der Raketen so stark anwachsen, dass sie eine gewaltige Bedrohung für die israelische Bevölkerung darstellen würde.
Obwohl die israelische Luftabwehr die meisten iranischen Raketen abfangen kann, verursachen jene Flugkörper, die nicht abgefangen werden, schwere Zerstörungen und fordern Todesopfer. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass das Abfangen ballistischer Raketen ausserordentlich kostspielig ist.
Hinzu kommt, dass die israelischen Abfangraketen deutlich langsamer produziert werden, als der Iran seine einfacheren und billigeren ballistischen Raketen herstellen kann. Die Bedrohung wächst deshalb schneller als Israels Fähigkeit, sich dagegen zu verteidigen.
Selbst wenn es dem Iran nicht gelingen sollte, seine Kapazitäten so schnell wiederaufzubauen, wie manche befürchten, stellt auch ein kontinuierlicher Ausbau eine erhebliche Bedrohung für Israel dar.
Strategische Konsequenzen für Israel
Der schnelle Wiederaufbau könnte unmittelbare Auswirkungen auf die künftige Strategie Israels haben. Die israelischen Sicherheitsbehörden prüfen fortlaufend, ob neue präventive militärische Massnahmen erforderlich werden – unabhängig von diplomatischen Gesprächen über das iranische Atomprogramm und die Strasse von Hormus.
In einer offiziellen Stellungnahme gegenüber der Jerusalem Post erklärte die IDF:
„Während des Krieges fügte die IDF zentralen Komponenten der militärischen Kapazitäten des Iran erheblichen Schaden zu. Dadurch wurden sowohl die Fähigkeit des Regimes, seine Ressourcen einzusetzen, als auch seine Möglichkeiten eingeschränkt, diese im gleichen Umfang und Tempo wie vor dem Krieg wiederaufzubauen.“
„Seitdem verfolgt die IDF die iranischen Versuche zur Wiederherstellung und zum Ausbau dieser Kapazitäten engmaschig und kontinuierlich. Die Analysen der IDF werden entsprechend der tatsächlichen Entwicklung fortlaufend aktualisiert.“
Die israelischen Streitkräfte schlossen ihre Stellungnahme mit den Worten:
„Aufgrund der Natur der Angelegenheit können wir keine konkreten Einschätzungen zum Tempo dieses Wiederaufbaus abgeben, da dies die Quellen und Methoden der IDF offenlegen könnte. Die IDF wird die Entwicklung weiterhin analysieren und die erforderliche Einsatzbereitschaft aufrechterhalten.“
Über den Autor:
Bjarte Bjellås ist Journalist und Redaktor bei MIFF Norwegen. Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf Norwegisch bei miff.no und wurde für MIFF DACH ins Deutsche übersetzt und redaktionell bearbeitet.


