✒️ MIFF Leitartikel
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Kaum ein Narrativ prägte die internationale Berichterstattung des Jahres 2025 stärker als der Vorwurf, Israel betreibe im Gazastreifen eine bewusste Politik des Aushungerns. Millionen Menschen wurden davon überzeugt, der jüdische Staat setze Hunger gezielt als Waffe gegen eine wehrlose Zivilbevölkerung ein. Die moralische Wucht dieser Anschuldigung ist kaum zu überschätzen – sie erklärte Israel zu einem Akteur von einzigartiger Grausamkeit.
Die Quelle
Am 22. August 2025 erklärte die UNO-Agentur IPC für Gaza-Stadt eine Hungersnot. Israel wurde rasch beschuldigt, die Lieferung von Nothilfe nach Gaza zu blockieren, mit dem Ziel, eine Hungerkrise zu verursachen. WHO und drei weitere UNO-Organisationen (FAO, UNICEF und WFP) übernahmen den IPC-Befund umgehend und verliehen ihm damit den Charakter einer autoritativen Beurteilung. Schlagzeilen, diplomatische Appelle und politische Mobilisierung folgten weltweit auf dem Fuss. Auch die Schweiz zeigte sich offiziell alarmiert. Die IPC-Erklärung wurde von allen Leitmedien aufgegriffen und weitervermittelt, einschliesslich des SRF. Das EDA verwies auf die Feststellung der IPC und forderte ungehinderten humanitären Zugang. Somit stellte es sich unkritisch hinter eine Diagnose, die international als Beleg für eine von Israel verursachte Hungerkrise verstanden wurde.
Heute jedoch zeigen UNO-Daten und die Zahlen der Gesundheitsbehörden in Gaza, dass die damalige Faktenbasis nicht nur schwach, sondern vom Anfang an fundamental falsch war – und dass weder die Kriterien noch die Prognosen der IPC je erfüllt wurden.
Die Hungersnot, die keine war
Die Anschuldigung der IPC stimmte von Anfang an nie mit den Fakten überein. Bis zum 22. August 2025 waren bereits im Jahr 2025 576’000 Tonnen Lebensmittel nach Gaza transportiert worden – dies laut dem UNO-Organ COGAT, das die IPC selbst als Quelle für den Lebensmitteltransport nach Gaza verwendet. Das ist deutlich mehr als der von der IPC geschätzte Lebensmittelbedarf für Gaza von 62’000 Tonnen pro Monat beziehungsweise 478’000 Tonnen bis zum 22. August.
Die Zahlen zeigen, dass selbst wenn die Lebensmittellieferungen im März und April gestoppt wurden, dies auf eine Periode sehr grosser Lieferungen im Januar und Februar folgte. Es gab zu keinem Zeitpunkt im Jahr 2025 einen Moment, in dem die gesamten bis dahin gelieferten Lebensmittelmengen geringer waren als der gesamte Bedarf.
Soweit es dennoch bei Teilen der Bevölkerung in Gaza zu Nahrungsmittelmangel kam, lag das daran, dass die eingeführten Lebensmittel nicht an diejenigen verteilt wurden, die sie am dringendsten benötigten. Aber es ist nicht Israel, sondern meistens Hamas, die die Verteilung der nach Gaza gebrachten Lebensmittel kontrolliert.
Warum erklärte die IPC dann eine Hungersnot?
Eine sorgfältige Lektüre des Berichts, auf dem die Erklärung beruhte, zeigt erhebliche Schwächen und Mängel. Dazu gehören selektive Quellenverwendung, ungewöhnlich niedrige Schwellenwerte, Daten mit unrealistischen Verteilungen, unbegründete Annahmen und regelrechte Rechenfehler. Dies ist in einem Bericht des israelischen Aussenministeriums detailliert dokumentiert. Nun zeigen neue Zahlen der UNO und des Gesundheitsministeriums von Gaza, dass die israelische Kritik am Bericht der IPC korrekt war.
Unter anderem verwendete die IPC einen Schwellenwert von 15 % unterernährter Kinder, um eine Hungersnot zu erklären – den niedrigsten Schwellenwert, den sie jemals in einer solchen Erklärung benutzt hat. Dieser Schwellenwert wurde in keinem Monat in irgendeinem Gebiet Gazas erreicht. Die IPC schrieb dann, dass der Schwellenwert trotzdem in der zweiten Julihälfte in einem Gebiet – Gaza-Stadt – überschritten worden sei.
Doch die Zahlen zur Unterernährung waren nicht altersgewichtet, wie die IPC behauptete und wie es laut ihren eigenen Richtlinien hätte sein müssen. Vereinfacht gesagt: In der Untersuchung waren bestimmte Altersgruppen von Kindern überrepräsentiert. In der Folge hat die UNO altersgewichtete Zahlen veröffentlicht, die bestätigen, dass die korrekten Werte nicht einmal den niedrigen Schwellenwert von 15 % erreichten.
Die IPC benutzte die falschen Zahlen, um einen explosionsartigen Anstieg des Anteils unterernährter Kinder zu prognostizieren – ganze 60 % im Verlauf des Septembers in Gaza-Stadt. Laut der UNO lag aber der tatsächliche Wert bei 9,8 %. Wie man aus den untenstehenden Abbildungen sieht, zeigen die UNO-Zahlen, dass die Prognosen der IPC in allen Gebieten Gazas völlig danebenlagen.
Wenn die Hungersnot-Erklärung der IPC richtig gewesen wäre, hätte es in Gaza auch über 200 Todesfälle pro Tag durch Unterernährung geben müssen. Die Gesundheitsbehörden von Gaza behaupten aber, dass es insgesamt 185 Todesfälle gab (Telegram, 11. Oktober) vom Zeitpunkt der Erklärung der Hungersnot am 22. August bis zum Beginn des Waffenstillstands am 11. Oktober. Das sind weniger als 4 pro Tag und mindestens 98 % weniger als die Annahme der IPC.
Wie die untenstehende Abbildung zeigt, lag die Zahl der Todesfälle durch Unterernährung nie auch nur annähernd in der Nähe der Schwelle, um eine Hungersnot erklären zu können.
Die meisten dieser Todesfälle betrafen Erwachsene, insbesondere ältere Menschen. Die Gesundheitsbehörden von Gaza behaupten, dass in diesem Zeitraum insgesamt 42 Kinder an Unterernährung in Gaza gestorben seien, also 0,84 pro Million pro Tag. Zum Vergleich: Weltweit sterben jedes Jahr 1 Million Kinder an Hunger, also 1,14 pro Million pro Tag. So erstaunlich es klingen mag: Ein zufälliges Kind in einem zufälligen Land hatte also eine grössere Wahrscheinlichkeit, an Hunger zu sterben, als ein Kind in Gaza mitten in einer angeblichen Hungersnot.
Die IPC sagt nun, dass es keine Hungersnot mehr gebe. Doch wie die Zahlen der UNO und der Gesundheitsbehörden von Gaza zeigen, waren die Kriterien für eine Hungersnot in keinem Teil Gazas jemals erfüllt. Die Annahmen, auf die sich die IPC ursprünglich stützte, haben sich als falsch erwiesen, und die Projektionen der IPC lagen völlig daneben.
Der gesunde Menschenverstand
Im Nachhinein wirkt es erstaunlich, wie sich auf der Grundlage eines derart verzerrten Lagebildes eine regelrechte globale Hysterie ausbreiten konnte – und dies mit tatkräftiger Unterstützung mehrerer prestigeträchtiger UNO-Organisationen, grosser Teile des internationalen Medienbetriebs und selbst des Schweizer EDA. Wo blieb das Augenmass? Wo der gesunde Menschenverstand? Wie konnten Behauptungen von solcher Tragweite über Monate hinweg weitgehend unkritisch übernommen und weiterverbreitet werden?
Wären im Gazastreifen tatsächlich innerhalb weniger Wochen mehrere Tausend Menschen verhungert, hätte sich dies unübersehbar in Bildern, Berichten und im Erscheinungsbild der Bevölkerung niederschlagen müssen. Eine Gesellschaft, die eine Hungersnot durchlebt, zeigt massenhaft sichtbare Zeichen extremer Abmagerung. Doch genau dieses Bild fehlte. Tatsächlich war sichtbare Übergewicht in der erwachsenen Bevölkerung weiterhin weit verbreitet.
Die vorliegenden visuellen Eindrücke und Augenzeugenberichte aus Gaza zeigen zweifellos Not, Mangel und schweres Leid. Sie zeigten jedoch nie das Bild einer verhungernden oder bereits verhungerten Bevölkerung. Das allein hätte schon früh zu Skepsis Anlass geben müssen.
Normative Schlussfolgerung
Wir halten es für moralisch und demokratisch höchst problematisch, dass das internationale Nachrichtenbild über lange Zeit von einer angeblichen Hungersnot in Gaza geprägt war, obwohl sich zentrale Elemente dieses Narrativs als nachweislich falsch und schwer verzerrt erwiesen haben. Die Behauptung, Israel lasse die Bevölkerung Gazas vorsätzlich verhungern, gehörte zu den schwerwiegendsten Anschuldigungen des gesamten Krieges. Sie prägte die öffentliche Meinung weltweit und trug erheblich zu Hass und Feindseligkeit gegenüber Israel und Juden bei.
Dabei ist durchaus nachvollziehbar, dass Medien, Regierungen, Aussenministerien und internationale Hilfsorganisationen die Warnungen der IPC zunächst ernst nahmen und weiterverbreiteten. Wenn ein angesehenes internationales Gremium vor einer drohenden Hungersnot warnt, ist Vorsicht angebracht. Umso unverständlicher ist jedoch, dass kaum einer dieser Akteure Bereitschaft zeigt, seine früheren Darstellungen zu korrigieren, wenn sich diese als fehlerhaft erweisen. Klare Dementis, öffentliche Selbstkritik oder auch nur eine angemessene Neubewertung des Lagebildes bleiben fast vollständig aus.
Diese fehlende Aufarbeitung stellt aus unserer Sicht eine ernsthafte Lücke im öffentlichen Diskurs dar. Wer bereit ist, schwerste moralische Vorwürfe zu erheben, sollte auch bereit sein, sie öffentlich zu korrigieren, wenn die Fakten dies erfordern. Dies wäre nicht nur der Wahrheit geschuldet, sondern auch dem Volk, das über Jahrhunderte hinweg immer wieder mit Legenden konfrontiert wurde, die ihm eine einzigartige Bosheit und Unmenschlichkeit zuschrieben.
Über die Autoren
Jens Tomas Anfindsen (Dr. Phil.) ist Leiter von MIFF DACH und Redakteur von Israelfrieden.org.
Eirik Schröder-Braatane (M. Sc.) ist Ingenieur in angewandter Physik und Mathematik und arbeitet im Bereich der statistischen Analyse.


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