Die von Hamas geführte Verwaltung im Gazastreifen gab am Montag bekannt, dass das sogenannte „Krisenkomitee“ – das bisherige Regierungsorgan des Gazastreifens – aufgelöst werde. Dies geschehe als Vorbereitung auf die Machtübergabe an das Nationale Komitee für die Verwaltung des Gazastreifens (National Committee for the Administration of Gaza, NCAG).
„Der Leiter des Regierungskrisenkomitees, Mohammed al-Farra, hat offiziell seinen Rücktritt eingereicht“, sagte Ismail al-Thawabta, Leiter der Hamas-Medienabteilung, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.
Nach Angaben der Hamas sollen sämtliche Staatsbediensteten ihre Arbeit wie gewohnt fortsetzen. Sie seien „öffentliche Angestellte, die bereit sind, unter der Verantwortung des Nationalen Komitees für die Verwaltung des Gazastreifens zu arbeiten“. Die Verwaltung des Gazastreifens beschäftigt rund 60.000 Mitarbeitende. Hamas sagte jedoch weder etwas über eine Entwaffnung noch über eine Übergabe der Sicherheitsverantwortung an eine internationale Truppe. Ob die Ankündigung tatsächlich zu Veränderungen vor Ort führen werde, sei deshalb unklar.
Das NCAG wird vom palästinensischen Technokraten Ali Shaath geleitet. Es wurde vom Board of Peace geschaffen – jenem Friedensgremium, das US-Präsident Donald Trump nach der Vermittlung des Waffenstillstands zwischen Hamas und Israel im Oktober 2025 einsetzte. Das Komitee arbeitet seit Monaten ausserhalb des Gazastreifens, angeblich weil Israel Einwände gegen seine Einreise in das kriegszerstörte Gebiet erhoben habe.
Politischer Kurswechsel – die Waffen bleiben jedoch
Die Entscheidung scheint einen bedeutenden politischen Kurswechsel der Hamas zu markieren, die den Gazastreifen seit ihrer gewaltsamen Machtübernahme von der rivalisierenden palästinensischen Bewegung Fatah im Jahr 2007 kontrolliert.
Gleichzeitig verzögert Hamas weiterhin die Erfüllung der Forderung nach einer vollständigen Entwaffnung – einem der zentralen Punkte von Trumps 20-Punkte-Plan für den Gazastreifen.
Hamas erwähnte das Thema Entwaffnung mit keinem Wort. Die Ankündigung ändere deshalb wenig an der Situation vor Ort, wo Hamas und ihre Sicherheitskräfte weiterhin die vollständige Kontrolle über jene Gebiete ausübten, die sich nicht unter israelischer Militärkontrolle befinden.
In den Gebieten ausserhalb der israelischen Kontrolle bleibt Hamas de facto die herrschende Macht. Die Organisation sichert ihre Kontrolle unter anderem durch die Hinrichtung von Gegnern und Personen, die sie als Bedrohung ihrer Herrschaft betrachtet.
Board of Peace: „Taten, nicht Versprechen“
Nach der Ankündigung erklärte das Board of Peace, man habe die Entscheidung der Hamas „zur Kenntnis genommen“.
„Letztlich wird sich unsere Beurteilung an Taten und nicht an Versprechen orientieren, wenn es darum geht, den dringenden Bedürfnissen der Bevölkerung des Gazastreifens gerecht zu werden“, heisst es in einer Stellungnahme auf X.
Das Friedensgremium betonte, eine tatsächliche Machtübergabe setze voraus, dass „sämtliche Waffen unter die Kontrolle des NCAG gestellt werden“, wie dies sowohl der Gaza-Friedensplan als auch die Resolution 2803 des UNO-Sicherheitsrats vorsähen. Ausserdem müsse das NCAG sein Mandat unabhängig wahrnehmen können.
Ein israelischer Regierungsvertreter wies die Ankündigung als bedeutungslos zurück.
„Der angebliche Rücktritt der Hamas-Regierung, bei dem sämtliche Hamas-Mitglieder in ihren Positionen bleiben, ist reine Augenwischerei ohne jede Bedeutung“, sagte der Regierungsvertreter.
Ein weiterer Regierungsvertreter erklärte gegenüber dem israelischen Fernsehsender Kan: „Hamas befürchtet, dass die Vermittler ihr einen Bruch der Vereinbarung vorwerfen werden. Deshalb verzögert sie den Prozess und betreibt politische Augenwischerei.“
We have taken note of the announcement today regarding the dissolution of the “Emergency Committee” in Gaza. Ultimately, our assessment will be guided by actions, not promises, to meet the critical needs of the people of Gaza. Decisions must be comprehensive with respect to the…
— Board of Peace (@BoardOfPeace) July 6, 2026
Hamas will Israel unter Druck setzen, das NCAG in den Gazastreifen zu lassen
Eine palästinensische Quelle mit Kenntnis der Vorgänge sagte, Hamas wolle ihre bestehende Regierungsstruktur in eine vorübergehende Übergangsverwaltung umwandeln und gleichzeitig den Druck auf das Board of Peace und Israel erhöhen, dem NCAG den Zugang zum Gazastreifen zu ermöglichen.
Der Gaza-Experte Muhammad Shehada vom European Council on Foreign Relations erklärte, die Ankündigung sei ein Versuch der Hamas, „über Netanyahus Kopf hinweg“ direkt an Trump zu appellieren. Er bezeichnete den Schritt als taktisch klug, glaubt jedoch, dass er wahrscheinlich zu spät komme.
„Selbst wenn die Rechnung aufgeht – selbst wenn Trump sich überzeugen lässt und alles nach Plan verläuft –, hat Israel letztlich weiterhin die Kontrolle über alles, was im Gazastreifen geschieht“, sagte Shehada.
Zukunft des Gazastreifens bleibt ungeklärt
Die zweite Phase des Waffenstillstands, die die Entwaffnung der Hamas und einen schrittweisen israelischen Rückzug vorsieht, steckt seit Monaten fest. Nach Trumps Friedensplan soll Israel seine Truppen erst dann vollständig abziehen, wenn endgültig bestätigt wurde, dass sämtliche Terrororganisationen im Gazastreifen entwaffnet worden sind.
Hamas verlangt dagegen, dass zunächst eine palästinensische Verwaltung ihre Arbeit aufnimmt, bevor die Organisation überhaupt bereit sei, auch nur einen Teil ihres Waffenarsenals aufzugeben.
Die Frage, wer den Gazastreifen künftig regieren soll, gehört weiterhin zu den zentralen Streitpunkten der Verhandlungen. Israel lehnt sowohl eine Rückkehr der Hamas an die Macht als auch eine direkte Übernahme durch die in Ramallah ansässige Palästinensische Autonomiebehörde ab.
Der Krieg im Gazastreifen begann mit dem Hamas-Angriff auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023. Dabei wurden rund 1.200 Menschen ermordet und 251 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.
Quellen: Times of Israel, CNN, AP/PBS, France 24/AFP


