MIFF hat den Film gesehen. Diese Rezension setzt sich mit einem seiner zentralsten Vorwürfe und dessen völkerrechtlicher Einordnung auseinander.
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Im Englischen bezeichnet „Catch-22“ eine ausweglose Zwickmühle: Welche Entscheidung ein Akteur auch trifft, sie wird ihm zum Nachteil ausgelegt. Ein Paradebeispiel dieser Logik lieferte eine Studie der israelischen Forscherin Tal Nitzan von 2007. Sie untersuchte, warum israelische Soldaten nur selten palästinensische Frauen vergewaltigten. Nitzan erklärte dies mit rassistischer Abgrenzung und Entmenschlichung. Zugespitzt: Die israelische Dehumanisierung der Palästinenser sei so weit gegangen, dass man palästinensische Frauen nicht einmal einer Vergewaltigung für würdig befunden habe.
Mit dieser Logik kann also sogar das Unterlassen eines Verbrechens als Schuldbeweis gelten.
Eine ähnliche Gefahr besteht in der Diskussion über „NAZA“. Der Film von Yuval Abraham und Rachel Szor, produziert von The Guardian und JW Films, untersucht die israelische Kriegsführung in Gaza. Er stützt sich auf Aussagen von 24 anonymen Angehörigen des israelischen Militärs und der Nachrichtendienste. Zu den zentralsten Vorwürfen gehört, dass bei der Zielauswahl hohe zivile Opferzahlen bewusst akzeptiert worden seien.
Abschätzung ziviler Schäden ist Pflicht
Aber aufgepasst: Wer vor einem Angriff mögliche zivile Opfer und andere sogenannte Kollateralschäden abschätzt, dokumentiert damit nicht schon die Absicht, Zivilisten zu töten. Die Berechnung von Kollateralschäden kann kalt und zynisch wirken. Hinter jeder Zahl stehen Menschen. Dennoch ist diese Abschätzung völkerrechtlich vorgeschrieben. Es ist das Unterlassen einer solchen Prüfung, das ein Kriegsverbrechen darstellen würde.
Das humanitäre Völkerrecht verlangt die Unterscheidung zwischen Zivilisten und militärischen Zielen. Auch ein Angriff auf ein rechtmässiges militärisches Ziel ist verboten, wenn die zu erwartenden beiläufigen Schäden für Zivilisten im Verhältnis zum erwarteten konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil übermässig wären. Hinzu kommt die Pflicht, alle praktisch möglichen Vorsichtsmassnahmen zu treffen, um zivile Schäden zu minimieren. Diese Prüfung muss vor dem Angriff erfolgen, auf Grundlage der zu diesem Zeitpunkt verfügbaren beziehungsweise vernünftigerweise beschaffbaren Informationen.
Die entscheidende Schlussfolgerung lautet: Israel ist verpflichtet, vorhersehbare zivile Schäden abzuschätzen und zu berücksichtigen. Die Erfüllung dieser Pflicht ist für sich genommen kein Schuldbeweis.
Tatsächliche zivile Opferzahlen
Besonders gravierend ist die in „NAZA“ vorgebrachte Behauptung, ein Angriff sei genehmigt worden, bei dem bis zu 500 Zivilisten hätten sterben können, um ein einzelnes Hamas-Ziel zu treffen. Die israelische Armee weist diese Behauptung als vollständig falsch zurück. Mehreren Zeugenaussagen zufolge seien stattdessen bei Angriffen auf Hamas-Kommandeure der mittleren Führungsebene bis zu 20 mögliche zivile Todesopfer als Einsatzregel akzeptiert worden, ohne dass eine gesonderte Genehmigung der militärischen Führung erforderlich gewesen sei.
Eine gesicherte Aufschlüsselung der Gesamtzahl der Kriegstoten in Gaza nach Kämpfern und Zivilisten gibt es nicht. Eine vernünftige Einschätzung (auf Grundlage der Märtyrerlisten der Terrororganisationen selbst, der UNO-Daten zur Geschlechts- und Altersverteilung der Getöteten sowie der Einschätzungen der IDF) ergibt ein Verhältnis von zwei bis drei getöteten Zivilisten pro getötetem Kämpfer. Nach militärischer Experten ist dieses Verhältnis vergleichsweise niedrig. Zur Einordnung: UNO-Generalsekretär António Guterres erklärte 2022, dass beim Einsatz explosiver Waffen in besiedelten Gebieten rund 90 Prozent der Getöteten und Verletzten Zivilisten seien.
Dies deutet also auf eine recht präzise israelische Zielauswahl hin – und das im Kampf gegen einen Feind, der seine militärischen Strukturen mitten in dicht besiedelte städtische Gebiete eingebettet hat.
Emotion und Vernunft
„NAZA“ zeigt eindrücklich, wie entmenschlichend und grausam Krieg ist – für alle Beteiligten. Die gewaltige Asymmetrie zwischen Israels technologischer, nachrichtendienstlicher und militärischer Übermacht und der relativen Ohnmacht der Palästinenser ruft Mitleid hervor. Der Einsatz künstlicher Intelligenz zur Zielidentifizierung mag zynisch wirken. Die Leichtigkeit, mit der Drohnenoperateure ihre Ziele scheinbar wie in einem Videospiel „ausschalten“, erschreckt.
Dennoch muss die Lage mit Vernunft beurteilt werden. Krieg ist grausam. Die Hamas hat einen unrechtmässigen Krieg entfacht, den sie jederzeit durch ihre Kapitulation hätte beenden können. An sie muss sich die berechtigte moralische Wut richten.
Die Schuld für Gazas Kollateralschäden – NAZA – liegt bei der Hamas.
Über den Autor:
Dr. philos. Jens Tomas Anfindsen unterrichtet seit vielen Jahren in den Bereichen Religion, Philosophie und Ethik. Er ist Leiter von MIFF DACH und Redakteur von Israelfrieden.org.


