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Den Juden wird alles weggestohlen

Jan Benjamin Rødner gründete 1978 die Organisation MIFF (Mit Israel für Frieden). Sein jahrzehntelanges Engagement für historische Wahrheit, die Bekämpfung des Antisemitismus und das Existenzrecht Israels prägt die Arbeit der Organisation bis heute.
Dieser Text wurde von Jan Benjamin Rødner als Rede bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in Lyngdal am 9. November 2025 vorgetragen.

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Uns wird unsere Geschichte gestohlen

Ich glaubte, das sei unmöglich! Unsere Vorväter Abraham, Isaak und Jakob sowie Mose werden gestohlen und dazu umdefiniert, Palästinenser gewesen zu sein. So soll unsere Geschichte uns Juden genommen werden. Damit wird unsere 3000-jährige Verbundenheit mit dem Heiligen Land, mit Israel und Zion, bestritten. Judäa – von diesem Namen das Wort Jude stammt – und Samaria werden durch den Begriff Westjordanland ersetzt. Worte und Namen werden ausgetauscht, sodass die Erinnerung an die jüdische Existenz und Verbundenheit ausgelöscht wird.

Lange Zeit war es die Kirche, die mit der Ersatztheologie den Platz der Juden einnehmen wollte – mit schrecklichen Folgen für das jüdische Volk. Dieser Gedanke lebt fort. Heute kommt der Angriff auf den Platz der Juden in der Welt und in der Geschichte jedoch von anderer Seite. Jesus wird seine jüdische Herkunft genommen, und er wird zum Palästinenser umgedeutet.

Diese Aneignung, dieser Diebstahl einer 3000-jährigen Geschichte geschieht am helllichten Tag. Die Proteste glänzen durch ihre Abwesenheit. Die Palästinenser nehmen etwas, das anderen gehört, und machen es zu ihrem Eigentum. Der Begriff Appropriation – Aneignung – wird insbesondere für kulturellen Diebstahl verwendet, wenn eine dominante Gruppe Elemente einer Minderheitskultur übernimmt, oft ohne deren Bedeutung zu verstehen oder zu respektieren. Nicht nur stehlen sie unsere jüdische Kultur und unsere Geschichte – sie sprechen uns Juden sogar das Recht ab, sie zu gebrauchen. Plötzlich sind es die Palästinenser und nicht mehr die Juden, die eine 3000-jährige Verbindung zu Israel und Jerusalem haben sollen.

Uns wird der Name Israels und unserer ewigen Hauptstadt gestohlen

Im Jahr 132 versuchte der römische Kaiser Hadrian, die Beschneidung von Knaben zu verbieten und auf dem Tempelberg in Jerusalem einen Tempel für Jupiter zu errichten. Darauf erhoben sich die Juden unter der Führung von Schimon Bar Kochba zum Aufstand. Im Jahr 135 wurde der Aufstand niedergeschlagen, Jerusalem zerstört und die jüdische Bevölkerung getötet, versklavt oder vertrieben.

Um die Erinnerung an Jerusalem auszulöschen, erhielt die Stadt den Namen Aelia Capitolina. Die Provinz Judäa wurde höhnisch in Syria Palaestina umbenannt – nach den Philistern, einem Volk aus dem Ägäischen Raum, das lange vor seinem Verschwinden etwa tausend Jahre zuvor ein erbitterter Gegner Israels gewesen war. Der heutige Gebrauch des Namens Palästina greift Hadrians Versuch wieder auf, die Verbindung der Juden zu ihrem Land geschichtlich wie gegenwärtig zu leugnen und auszulöschen.

Uns norwegischen Juden wurde alles gestohlen

Im Holocaust in Norwegen wurden wir verfolgt, deportiert und ermordet. Doch das genügte den Judenhassern nicht. Durch eine wirtschaftliche Liquidation, die Birgit Reisel in ihrem Buch Was wurde von allem zusammen? eindrücklich beschreibt, sollte keine Spur zurückbleiben. Quisling und die norwegischen Nationalsozialisten errichteten einen landesweiten Verwaltungsapparat, um die wirtschaftliche Enteignung der Juden zu organisieren. Dazu gehörte alles – vom Verlust des Arbeitsplatzes bis zum Diebstahl ihres Eigentums, den sie beschönigend «Einziehung» nannten. Sie zerstörten jede wirtschaftliche Existenzgrundlage; sogar die jüdischen Friedhöfe wollten sie verkaufen.

Telegramm an den Polizeimeister in Tønsberg, Oktober 1942:

«Alle männlichen Juden über 15 Jahre, deren Ausweis mit einem J gekennzeichnet ist, werden am Montag, dem 26. Oktober, um 6 Uhr verhaftet. Das Vermögen wird beschlagnahmt. Wertpapiere, Schmuck und Bargeld werden sichergestellt, Bankkonten gesperrt und Schliessfächer geleert. Allen erwachsenen Jüdinnen wird eine tägliche Meldepflicht auferlegt.»

Polizeimeister Fehn in Tønsberg berichtete am 14. November 1942:

«Emil Georg Kochlin wurde am 26. Oktober dieses Jahres festgenommen und in das Internierungslager Berg überführt. Benjamin und Julius Kochlin wurden von der Osloer Polizei festgenommen. Der Ehefrau Ida Kochlin und der Tochter Gitel Åsen wurde tägliche Meldepflicht auf der hiesigen Polizeistation auferlegt. Die beschlagnahmte Lebensversicherungspolice und das Sparbuch wurden hier hinterlegt.»

Alles, was sie besassen, wurde beschlagnahmt und inventarisiert. Ein Salontisch: 40 Kronen. Ein Satz Vorhänge: 5 Kronen. Verschiedene Küchenutensilien: 70 Kronen. Insgesamt wurden 49 Gegenstände auf 1850 Kronen geschätzt und später für 2002 Kronen versteigert.

Meine Grosseltern Ida und Benjamin Kochlin – nach Benjamin bin ich benannt – sowie meine Onkel Emil Georg und Julius wurden am 26. November 1942 mit der DS Donau deportiert und in Auschwitz ermordet. Meiner Tante Gitel gelang die Flucht nach Schweden.

Ein industriell organisierter Völkermord mit dem Ziel, jede jüdische Existenz in Norwegen – ja selbst jede Erinnerung an sie – auszulöschen, war in vollem Gang.

Uns wurden unsere heiligen Stätten gestohlen

In der hebräischen Bibel wird Israel rund 2000-mal erwähnt. Jerusalem wird 669-mal genannt, Zion 154-mal. In unseren Gebeten werden diese Namen unzählige Male ausgesprochen.

Im Koran werden weder Israel noch Jerusalem oder Zion auch nur ein einziges Mal erwähnt.

Dennoch beteiligte sich die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, im Oktober 2016 mit ihrer schändlichen Resolution 200 EX/25 über Jerusalem daran, die jüdische Verbindung zu unseren heiligen Stätten auszulöschen. Die Verbindung der Juden und Christen zu Jerusalem wird darin nicht erwähnt. Genannt wird ausschliesslich das Recht der Muslime auf Zugang. Die heiligen Stätten des Judentums werden nur mit ihren muslimischen Bezeichnungen benannt. Die Westmauer – HaKotel – wird Al-Buraq Plaza genannt, und der Tempelberg – Har haBajit – wird Al-Haram al-Sharif genannt. So wird selbst die Erinnerung an die Verbindung der Juden zu ihren heiligen Stätten ausgelöscht und gestohlen.

Uns wurden unsere Gedenktage gestohlen

Uns wird sogar der heutige Gedenktag, die Reichspogromnacht vom 9. November – auch Novemberpogrome genannt –, gestohlen.

Das Antirasistisk Senter (ARS) organisiert Jahr für Jahr die öffentliche Gedenkveranstaltung mit Fackelzug und Ansprachen des Ministerpräsidenten und des Bürgermeisters. Das Palästinakomitee gehört zu den Mitveranstaltern. Willkommen sind dort jedoch nur Juden, die sich dem antiisraelischen Aktivismus anschliessen.

Sie behaupten, den nationalsozialistischen Antisemitismus zu bekämpfen – gegen den wir alle stehen. Doch dieses Gedenken wird missbraucht, um Hass gegen Israel zu erzeugen, der wiederum zu Judenhass in Norwegen führt. Juden sind nicht willkommen, es sei denn, sie vertreten die «richtigen» antiisraelischen Positionen.

Die Reichspogromnacht wird derart instrumentalisiert, dass sich die Jüdische Gemeinde Norwegens (Det Mosaiske Trossamfund) während drei Jahren gezwungen sah, sich von der Veranstaltung zurückzuziehen.

Uns wird unsere Trauer gestohlen

Auch der Tag der schlimmsten Katastrophe für das jüdische Volk seit dem Zweiten Weltkrieg, der grausame 7. Oktober, wird uns gestohlen.

Als Israelfreunde am 7. Oktober eine öffentliche Gedenkveranstaltung organisieren wollten, hatte sich das Palästinakomitee den «Eidsvolls plass» vor dem norwegischen Parlament bereits für den ganzen Tag reserviert. Unsere Gedenkveranstaltung für die Opfer des Massakers vom 7. Oktober wurde deshalb auf die «Spikersuppa» verwiesen.

Das Palästinakomitee missbrauchte diesen schicksalsschweren Tag, um diejenigen zu verdrängen, die um die Opfer des beispiellosen Terrors vom 7. Oktober trauerten. Stattdessen sollte die Aufmerksamkeit auf das Leiden der Palästinenser im Gazastreifen gelenkt werden.

Am 7. Oktober wurden 1400 Menschen, die friedlich ein Musikfestival besuchten und den Feiertag begingen, brutal ermordet, weitere 250 Menschen wurden von der Hamas entführt. Israel hatte an diesem Tag mehr als genug damit zu tun, überhaupt zu verstehen, was geschehen war, und die Terroristen aus Israel zu vertreiben. Der Verteidigungskrieg gegen die Hamas hatte noch gar nicht begonnen.

Dennoch benutzte das Palästinakomitee diesen Tag, um die Trauer der Juden im öffentlichen Raum zu verdrängen und zu entweihen.

Uns wurde unsere Erinnerungskultur gestohlen

Nach jüdischer Tradition stirbt ein Mensch zweimal. Das erste Mal physisch, wenn sein Herz aufhört zu schlagen. Das zweite Mal, wenn sein Name und seine Erinnerung zum letzten Mal ausgesprochen werden.

Deshalb werden Ende November jedes Jahres unten am Osloer Hafen die Namen derjenigen laut verlesen, die mit den Schiffen DS Donau und DS Monte Rosa deportiert wurden.

Doch im Jahr 2025 wurde auch diese Erinnerungskultur gestohlen. Am 24. Oktober, dem UNO-Tag, verlas das Palästinakomitee die Namen von 20 000 Kindern, die in Gaza ums Leben gekommen sein sollen. Damit übernahmen sie eine zutiefst jüdische Form des Gedenkens und verwandelten sie in eine Waffe gegen die Juden.

Wir sollen unserer eigenen Toten nicht mehr gedenken können, ohne gleichzeitig an diejenigen erinnert zu werden, die unsere Auslöschung anstreben.

Uns wird unsere Sprache gestohlen

In seinem Roman 1984 beschreibt George Orwell die Neusprache (Newspeak).

Neusprache soll das Denken kontrollieren, indem der Wortschatz radikal reduziert wird. Ziel ist es, «Gedankenverbrechen» unmöglich zu machen, indem Wörter verschwinden und neue Begriffe geschaffen werden, mit denen sich unerwünschte Gedanken gar nicht mehr ausdrücken lassen.

Auf dieselbe Weise arbeiten die antiisraelischen Kräfte daran, unsere Sprache umzudefinieren und Schwarz zu Weiss und Weiss zu Schwarz zu machen.

Wer auf den Rassismus unter Palästinensern hinweist, wird selbst zum Rassisten erklärt.

Die Ermordung von Zivilisten – Kindern wie Erwachsenen, Frauen wie Männern – durch Terrorraketen, Selbstmordanschläge und Messerattacken wird zu «Widerstand», «Befreiung» oder «Gerechtigkeit».

Greta Thunberg behauptete, sie sei entführt worden. Tatsächlich wurde sie bei dem Versuch angehalten, die rechtmässige Seeblockade zu durchbrechen und damit einen möglichen Schmuggelweg für Waffen an Hamas und Islamischen Dschihad offenzulegen.

Wenn Israel Menschen aus Kampfgebieten evakuiert, wird dies als «Vertreibung» bezeichnet.

Die Wörter verlieren ihre Bedeutung. Wir verlieren unsere Sprache – und damit die Möglichkeit, andere Gedanken zu denken als jene, die Israels Feinde zulassen wollen.

Dem Wort «Völkermord» wird ein neuer Inhalt gegeben – und es wird uns gestohlen

Der Begriff entstand im Zusammenhang mit dem Holocaust, bei dem sechs Millionen Juden ermordet wurden, einzig weil sie Juden waren.

Heute wird der Begriff umdefiniert und auf die Opfer eines Krieges angewendet.

Am 7. Oktober leitete die Hamas einen tatsächlichen Völkermord ein – im Einklang mit ihrer Charta, in der es heisst:

«Die Stunde wird nicht kommen, bevor die Muslime gegen die Juden kämpfen und sie töten. Dann werden sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken, und die Steine und Bäume werden sagen: O Muslim, o Diener Allahs, hinter mir versteckt sich ein Jude. Komm und töte ihn.»

Sie versprechen, diesen Kampf immer wieder zu wiederholen, bis Israel und die Juden verschwunden sind.

Dennoch überbieten sich Politiker, humanitäre Organisationen und Medien darin, wie oft sie das Wort «Völkermord» als Waffe gegen Israel verwenden können.

Die Wirklichkeit wird auf den Kopf gestellt.

Schwarz wird Weiss, und Weiss wird Schwarz.

Uns wird das Recht auf unser Essen gestohlen

Spricht man über israelisches Essen, wird sofort behauptet, es handle sich um gestohlene palästinensische Küche.

Dabei handelt es sich um mediterrane Küche, an deren Entwicklung die Juden über Jahrtausende hinweg mitgewirkt haben.

Selbst der Stolz auf die kulinarischen Traditionen des eigenen Landes soll den Juden genommen werden.

Gleiche Rechte für alle – unser Wert als Mitmenschen wird uns gestohlen

Die Rechte von Frauen und LGBT-Personen werden in Israel weitgehend geschützt.

Dennoch wird dies verächtlich als «Pinkwashing» bezeichnet, wenn Israel auf seine Fortschritte in diesem Bereich hinweist oder wenn LGBT-Gruppen Israel unterstützen.

Dabei wird oft übersehen, wie massiv Frauen und Homosexuelle in vielen arabischen Ländern und insbesondere in der palästinensischen Gesellschaft diskriminiert, verfolgt oder sogar getötet werden.

Gleichwohl ist es Israel, das von den Vereinten Nationen regelmässig wegen seines Umgangs mit Frauen kritisiert wird.

Schwarz wird Weiss, und Weiss wird Schwarz.

Israel wird als kolonialistischer Apartheidstaat bezeichnet.

Wie so oft in der Geschichte werden die Juden – heute der jüdische Staat – genau dessen beschuldigt, was sie selbst am schwersten trifft.

Der Antisemitismus ist vom einzelnen Juden auf den jüdischen Staat übergegangen.

Man beschuldigte die Juden einst, Jesus getötet zu haben, christliche Kinder zu ermorden, um ihr Blut für das ungesäuerte Brot zu verwenden, kapitalistische Ausbeuter zu sein, zugleich kommunistische Umstürzler, degenerierte Ratten am Körper der Gesellschaft.

Nichts davon war wahr.

Die britischen, französischen und dänischen Kolonien wurden von Grossbritannien, Frankreich beziehungsweise Dänemark regiert.

Israel regiert sich selbst und ist keine Kolonie.

Ironischerweise beruht der Vorwurf des Kolonialismus gerade darauf, dass Israel westliche Werte übernommen hat, eine lebendige Demokratie ist und deshalb den Demokratien Europas ähnelt.

Dass die Araber Israel der Apartheid und ethnischen Säuberung beschuldigen, ist eine Verdrehung der Wirklichkeit

Dass die Araber im Allgemeinen und die Palästinenser im Besonderen Israel der Apartheid und der ethnischen Säuberung beschuldigen, ist eine bemerkenswerte Verdrehung der Wirklichkeit. Rund 20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber. Sie geniessen einen Lebensstandard, der weit über dem ihrer Brüder und Schwestern in den meisten arabischen Ländern liegt. Sie sind in allen Bereichen der Gesellschaft vertreten – als Richter, Ärzte, Professoren, Lehrer, Offiziere und Abgeordnete.

Währenddessen praktizieren mehrere arabische Staaten bis heute eine vollständige ethnische Säuberung ihrer jüdischen Bevölkerung. Dort dürfen Juden oftmals nicht einmal wohnen oder sich dauerhaft aufhalten.

Schwarz wird Weiss, und Weiss wird Schwarz.

Sie stehlen unseren Nothafen

Der Film No Other Land über Palästina-Araber in Judäa und Samaria erhielt den Oscar als bester Dokumentarfilm.

Bereits der Titel stellt die Wirklichkeit auf den Kopf.

1982 schrieb Ehud Manor das bekannte Lied Ein li Eretz acheret:

Ich habe kein anderes Land.
Auch wenn mein Land brennt.
Nur ein einziges Wort auf Hebräisch
fliesst durch meine Adern und meine Seele.
Mit einem schmerzenden Körper,
mit einem hungrigen Herzen –
hier ist meine Heimat.
Ich habe kein anderes Land.

Golda Meir sagte einmal:

«Wir Juden haben eine geheime Waffe. Die Araber haben zwanzig Staaten. Die Juden haben nur einen. Wir haben keinen anderen Ort, an den wir gehen können.»

Heute wird auch diese Wirklichkeit auf den Kopf gestellt.

Plötzlich sollen die Palästinenser diejenigen sein, die «kein anderes Land» haben – obwohl es 22 arabische Staaten gibt, darunter Jordanien, das ursprünglich als arabisch-palästinensischer Staat geschaffen wurde.

Auf der Évian-Konferenz vom 6. bis 15. Juli 1938 sollte die Welt eine Lösung für die Juden finden, die vor dem Dritten Reich flohen.

Es brannte bereits unter ihren Füssen. Doch der politische Wille fehlte.

Die Lage verschlimmerte sich weiter.

Dann kam die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Nationalsozialistische SA-Trupps griffen die Juden an.

Rund 200 Juden wurden ermordet.

26 000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt.

1400 Synagogen wurden niedergebrannt.

Tausende Wohnungen und Geschäfte wurden zerstört.

7500 Geschäfte wurden verwüstet.

Zerbrochenes Glas bedeckte die Strassen wie Kristalle.

Chaim Weizmann, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, sagte verzweifelt:

«Die Welt scheint in zwei Teile geteilt zu sein: Orte, an denen Juden nicht leben können, und Orte, an die sie nicht fliehen können.»

Und heute arbeiten mächtige Kräfte – zahlreiche humanitäre Organisationen und ein ganzes Heer selbsternannter Gutmenschen – daran, dem jüdischen Staat genau diesen Nothafen wieder zu nehmen.

Israel wurde zum Zufluchtsort für rund eine Million jüdischer Flüchtlinge aus den arabischen Ländern – in einem Bevölkerungsaustausch historischen Ausmasses.

Israel wurde zum Zufluchtsort für rund 600 000 Holocaust-Überlebende, die nach dem Krieg noch immer in europäischen Lagern lebten, weil kein anderes Land sie aufnehmen wollte.

Israel wurde zum Zufluchtsort für Juden aus der antisemitischen Sowjetunion.

Und Israel ist heute Zufluchtsort für diejenigen, die den wachsenden Antisemitismus in Europa und anderswo nicht länger ertragen können.

Dennoch wird inzwischen sogar gefordert, Israel aus der Generalversammlung der Vereinten Nationen auszuschliessen.

Uns wurde das Recht auf wirtschaftlichen, akademischen und kulturellen Austausch mit der übrigen Welt gestohlen

Die BDS-Bewegung und der Boykott sind nichts Neues.

Arabische Staaten verfolgen dieses Ziel bereits seit 1945.

Neu ist jedoch, dass sie dabei Unterstützung durch die Vereinten Nationen und sogar durch staatliche Investitionsfonds erhalten.

Und inzwischen soll der Boykott umfassend werden.

Nicht nur wirtschaftlich.

Auch akademisch.

Auch kulturell.

Bis hin zum Eurovision Song Contest.

Es gibt etwas an Israel, das viele Menschen zutiefst irritiert.

Und es ist nicht das, was sie behaupten.

Sie sprechen von Politik, Siedlungen, Grenzen und Kriegen.

Doch kratzt man an der Oberfläche, findet man etwas Tieferes.

Ein Unbehagen – nicht gegenüber dem, was Israel tut, sondern gegenüber dem, was Israel ist.

Eine so kleine Nation dürfte nicht so stark sein.

Israel besitzt kein Öl.

Keine besonderen Bodenschätze.

Seine Bevölkerung ist kaum grösser als die einer mittelgrossen Weltstadt.

Es ist von Feinden umgeben.

In den Vereinten Nationen isoliert.

Vom Terror heimgesucht.

Von Prominenten verurteilt.

Boykottiert.

Verleumdet.

Angegriffen.

Und dennoch gedeiht das Land, als gäbe es all diesen Widerstand nicht.

Im Militär.

In der Sicherheit.

In der Technologie.

In der Landwirtschaft.

In der Nachrichtengewinnung.

In der Medizin.

Im unerschütterlichen Überlebenswillen.

Israel verwandelt Wüste in fruchtbares Land.

Es gewinnt Wasser aus der Luft.

Es fängt Raketen in der Luft ab.

Es befreit Geiseln vor den Augen seiner Feinde.

Es überlebt Kriege, die seine Vernichtung zum Ziel haben – und siegt.

Die Welt sieht das.

Und sie versteht es nicht.

So reagieren Menschen oft auf etwas, das sie nicht erklären können.

Sie müssen annehmen, dass geschummelt wird.

Es müsse amerikanische Hilfe sein.

Eine mächtige Lobby.

Unterdrückung.

Diebstahl.

Erpressung.

Bosheit.

Ein dunkles Geheimnis.

Denn was wäre, wenn der Erfolg echt wäre?

Was wäre, wenn er verdient wäre?

Das jüdische Volk hätte längst verschwunden sein sollen.

So endet normalerweise die Geschichte eines vertriebenen, versklavten und verfolgten Volkes.

Doch die Juden kehrten tatsächlich nach Hause zurück.

Sie bauten ihr Land wieder auf.

Sie belebten ihre Sprache neu.

Und sie holten ihre Toten zurück – in ihre Erinnerung, ihre Identität und ihre Sprache.

Es gibt keinen historischen Präzedenzfall dafür, Babylonier, Römer, Inquisition, Pogrome, Holocaust, fünf arabische Armeen und zahllose Terrororganisationen zu überleben – und trotzdem am Montagmorgen wieder zur Arbeit nach Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, Be’er Scheva, Dimona oder Aschkelon zu gehen.

Israel ist keine Meinung.

Es ist eine Tatsache.

Oder, wie David Ben-Gurion sagte:

«Man muss Realist sein und an Wunder glauben.»

Genau das treibt viele Menschen in den Wahnsinn.

Denn Israel existiert.

Und dieses uralte, so oft gehasste Volk lebt weiter, wird bewahrt und blüht.

Vielleicht wird das Böse nicht das letzte Wort behalten.

Vielleicht sind die Juden nicht nur ein Volk.

Vielleicht sind sie ein Zeugnis.

Ein Zeugnis der Zehn Gebote.

Der Nächstenliebe.

Und eines Lichts für die Welt.

Genau das können viele nicht ertragen.

Uns wurde unser Recht auf Selbstverteidigung gestohlen

Die palästinensischen Terrororganisationen meinen es ernst, wenn sie Israel von der Landkarte tilgen wollen.

Deshalb ist dies für die Juden und für den Staat Israel ein existenzieller Kampf.

Darum geht es nicht einfach um Waffenstillstände oder neue Verhandlungen – Methoden, die seit mehr als hundert Jahren immer wieder versucht wurden, jedoch mit sehr begrenztem Erfolg.

Nachgiebigkeit, die von Terrororganisationen als Bestätigung ihrer Strategie verstanden wird, führt zu noch mehr Terror.

Das ist Israels moralisches Dilemma.

Aber was ist mit den unschuldigen Palästina-Arabern?

Kinder und Frauen sterben.

Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser und Moscheen werden zerstört.

Das ist grausam.

Das ist unbeschreiblich schrecklich.

Es ist kaum auszuhalten, daran zu denken.

Die Hamas ist ein rücksichtsloser Todeskult, der Millionen Menschen auf beiden Seiten der Grenze in eine Hölle aus Verstümmelung, Tod und Zerstörung zieht.

Doch wir müssen unsere Menschlichkeit bewahren.

Wir müssen Mitgefühl mit allen unschuldigen Menschen haben, die leiden – auch in Gaza, im Libanon und in Syrien.

Lasst uns auch ihrer an einem solchen Tag gedenken.

Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) tun, was sie können, um Zivilisten zu schonen und die Regeln des Kriegsrechts einzuhalten.

Sie tun dies besser als jede Armee, mit der sie sich vernünftigerweise vergleichen lässt.

Auch wenn die IDF aus fehlbaren Menschen besteht und Fehler macht, die klar benannt werden müssen.

Es besteht jedoch ein grundlegender Unterschied zwischen individuellen Fehlern und der nahezu grenzenlosen Reihe vorsätzlicher Kriegsverbrechen der Hamas, die weder auf israelische noch auf die eigene Bevölkerung Rücksicht nimmt.

Im Gegenteil.

Die Hamas begrüsst das Leiden der eigenen Bevölkerung als einen zentralen Bestandteil ihres Propagandakrieges gegen Israel.

Denn militärisch kann sie Israel nicht besiegen.

Deshalb setzt sie auf unsere menschlichen Gefühle.

Israel – oder vielmehr die Juden – sollen als mörderische Täter erscheinen, die bewusst Frauen, Kinder und Journalisten töten.

So wird erneut alles auf den Kopf gestellt.

Das Ergebnis sehen wir bereits heute.

Der Antisemitismus nimmt in alarmierendem Ausmass zu – auch in Norwegen.

Israels Feinde meinen, was sie sagen.

Sie wollen den einzigen jüdischen Staat der Welt von der Landkarte tilgen.

Die Juden und Israel wissen das und warnen seit Jahrzehnten davor.

Doch glaubt man ihnen?

Es sieht nicht danach aus.

Das Narrativ wird ständig umgeschrieben.

Israel – oder vielmehr die Juden – erscheinen darin als kolonialistische Besatzer, die gegen das Völkerrecht handeln und militärisch überlegen sind.

Die Palästinenser werden zu den Unterdrückten erklärt, die deshalb angeblich das Recht hätten, sich mit allen Mitteln zu verteidigen.

Oder, wie eine norwegische Zeitung einmal schrieb:

Israel ist schuld – ganz gleich, worum es geht.

So hiess es in Deutschland in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts ebenfalls:

Die Juden sind schuld – ganz gleich, worum es geht.

Wir geben unsere Kultur nicht auf.

Nicht unsere Geschichte.

Nicht unsere Erinnerung.

Nicht unsere Trauer.

Nicht unsere Freude.

Und nicht unser Recht auf Selbstverteidigung.

Heute empfinden wir zugleich Dankbarkeit.

1938 waren die Juden nicht in der Lage, sich selbst zu verteidigen.

Sie wurden Opfer eines wirklichen Völkermords.

Seit 1948 besitzen die Juden einen eigenen Staat, der sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen, Juden überall auf der Welt schützen und allen, die ihn brauchen, Zuflucht bieten kann.

Deshalb ist es wichtig, dass wir am Gedenktag der Reichspogromnacht 2025 unsere Sprache gebrauchen, um uns gegen den grossen Diebstahl zu wehren, den wir Tag für Tag in der Propagandaflut gegen Israel erleben.

Lasst uns unsere Sprache zurückholen.

Unsere Erinnerung.

Unsere Freude.

Unsere Trauer.

Ja, unsere Kultur.

Im Geist des Versprechens:

Niemals wieder.

Niemals wieder.

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Über den Autor:
Jan Benjamin Rødner ist Jurist und Gründer von MIFF (Mit Israel für Frieden). Seit der Gründung der Organisation im Jahr 1978 setzt er sich für historische Aufklärung, die Bekämpfung des Antisemitismus und eine faktenbasierte Auseinandersetzung mit Israel und dem Nahostkonflikt ein.