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Israels neue Einsatzdoktrin: Von der Konfliktverwaltung zum Sieg

Am 7. Oktober 2023 wurde Israel Ziel der schlimmsten Massaker seit dem Holocaust. Hier trauern Familie und Freunde um Idan Shtivi, der am 1. September 2025 in Gaza ermordet aufgefunden wurde. (Foto: Flash90)

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In der israelischen sicherheitspolitischen Debatte spricht man oft von einer „Konzeptzia“ – einem strategischen Denkmuster oder einer grundlegenden Annahme darüber, wie sich ein Gegner verhält. Vor dem 7. Oktober 2023 war die israelische Konzeptzia stark von der Überzeugung geprägt, dass Terrororganisationen letztlich an wirtschaftlicher Stabilität interessiert seien, dass militärische Abschreckung funktioniere und dass der Konflikt mit Hamas und Hisbollah langfristig „verwaltet“ werden könne. Das Hamas-Massaker erschütterte diese Annahmen grundlegend.

Der israelische Journalist und Analyst Amit Segal hat kürzlich im Wall Street Journal eine vielbeachtete Analyse über den strategischen Wandel der israelischen Streitkräfte veröffentlicht. Seine Grundthese ist überzeugend: Das Massaker vom 7. Oktober markierte nicht nur einen militärischen Schock, sondern auch das Ende einer sicherheitspolitischen Denkweise, die Israel über Jahrzehnte geprägt hatte.

Mit seiner Analyse trifft Segal einen wichtigen Punkt. Israels Politik gegenüber Terrororganisationen beruhte lange auf Eindämmung, Zurückhaltung und der Hoffnung, eine fragile Ruhe aufrechterhalten zu können. Der 7. Oktober zeigte jedoch, dass diese Strategie der Toleranz klare Grenzen hat.

Der strategische Wandel, der sich inzwischen im militärischen Establishment Israels abzeichnet, lässt sich anhand einer Reihe neuer Grundsätze zusammenfassen, die zunehmend das militärische Handeln prägen. Fassen wir diese in der Form zusammen, in der Amit Segal sie beschreibt:

Der Feind ist entweder Jäger oder Gejagter

Der Gegner befindet sich künftig nur in einem von zwei Zuständen – er verfolgt oder er wird verfolgt; geduldet wird er nicht. Lange Zeit vermied Israel gezielte Operationen gegen Terrorführer und iranische Verantwortliche. Damit erhielten diese Zeit und Ruhe, um Anschläge zu planen. Die neue Logik lautet: Wer um sein eigenes Überleben fürchten muss, hat weniger Kapazität, Angriffe vorzubereiten.

Drohungen ernst nehmen

Wenn ein Gegner offen ankündigt, dich zerstören zu wollen, sollte man ihm glauben. Parolen wie „Tod Amerika“ oder „Tod Israel“ sind im Kontext radikaler Regime keine politische Rhetorik, sondern Ausdruck konkreter Absichten.

Kleine Probleme werden zu grossen

Sicherheitsprobleme verschwinden selten, wenn man sie ignoriert. Israel zog sich aus Gaza zurück, um improvisierte Sprengsätze und Schussangriffe zu vermeiden – und sah sich später mit gut ausgebildeten Kommandostrukturen und einem riesigen Tunnelsystem konfrontiert. Auch der Rückzug aus dem Südlibanon führte langfristig zu einer massiven Aufrüstung der Hisbollah. Nachgiebigkeit schafft keinen Frieden.

Kein Eindämmungsarrangement mit Terrororganisationen

Weder wirtschaftliche Zugeständnisse noch internationale Garantien konnten militante Organisationen davon abhalten, ihre militärischen Fähigkeiten weiter auszubauen. Die Erfahrung aus Gaza zeigt, dass solche Arrangements keine dauerhafte Stabilität schaffen.

Keine „Gleichungslogik“ mehr

Über Jahre hinweg reagierte Israel auf Terrorangriffe mit begrenzten Gegenschlägen. Dieses Muster normalisierte faktisch Angriffe auf israelische Zivilisten, denn der Feind kalkulierte einen gewissen „Preis“ für seine Angriffe ein, musste jedoch nicht mit seiner eigenen Zerstörung rechnen. Nach dem 7. Oktober wurde diese Logik aufgegeben. Hamas ist inzwischen weitgehend zerschlagen. Und als Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah glaubte, weiterhin nach den alten Regeln handeln zu können, führte dies letztlich zur Ausschaltung der Führung seiner Organisation und zur Zerstörung eines Grossteils ihres Raketenarsenals.

Der Gegner soll Fehlkalkulationen fürchten

Wenn man militärisch die stärkere Seite ist, sollte nicht man selbst Angst vor einer Eskalation haben, sondern der Gegner.

Fundamentalisten sammeln Waffen, um sie einzusetzen

Radikale Bewegungen lagern Waffen nicht zur Abschreckung, sondern um sie irgendwann zu verwenden. Die Hoffnung, dass grosse Waffenarsenale ungenutzt bleiben, sei eine Illusion.

Diese Grundsätze prägen auch Israels heutige Haltung gegenüber iranischen militärischen Kapazitäten. Aus israelischer Sicht ist es nicht akzeptabel, dass ein Regime weiterhin tausende ballistische Raketen und Produktionsanlagen unterhält, während es gleichzeitig offen Israels Zerstörung anstrebt.

Eine Präzisierung zur Proportionalität

Zugleich lohnt es sich, Segals Argumentation in einem wichtigen Punkt zu präzisieren. Wenn er davon spricht, dass Israel heute nicht mehr „proportional“ reagiere, kann das leicht missverstanden werden. Sowohl völkerrechtlich als auch moralisch wäre eine tatsächlich unproportionale Kriegsführung illegal.

Proportionalität ist nämlich eines der drei grundlegenden Prinzipien des gerechten Krieges: 1) Unterscheidung (zwischen Zivilisten und Kombattanten), 2) militärische Notwendigkeit (das Ziel ist strategisch entscheidend) und 3) Proportionalität (der verursachte Schaden ist nicht grösser als nötig, um die militärischen Ziele zu erreichen).

Zwar wird das Prinzip der Proportionalität in den Medien und der öffentlichen Debatte häufig missverstanden. Journalisten und Politiker scheinen anzunehmen, ein militärischer Angriff sei proportional, wenn er dem Gegner ungefähr denselben Schaden zufügt, den man selbst erlitten hat – und unproportional, wenn der verursachte Schaden grösser ist. Aus diesem Grund hört man häufig den Vorwurf, Israels Verteidigungsaktionen seien unproportional, weil Israels Kriege weit mehr Feinde töten, als diese Feinde Israelis töten können. Hier liegt jedoch ein grundlegendes Missverständnis des Proportionalitätsbegriffs vor.

Im Kriegsrecht bedeutet Proportionalität nicht, dass militärische Gewalt in etwa im gleichen Umfang erwidert werden sollte. Es geht nicht um einen arithmetischen Ausgleich der Schäden. Die Grösse des verursachten Schadens ist für die Frage der Proportionalität schlicht irrelevant. Unter bestimmten Umständen könnte es sogar völlig proportional sein, eine Million feindlicher Kämpfer zu töten, ohne dass einem selbst auch nur ein Haar gekrümmt wurde.

Entscheidend für Proportionalität ist allein, dass man nicht mehr Schaden verursacht, als notwendig ist, um die legitimen Ziele eines Krieges zu erreichen.

Aus reiner Wut und Vergeltung ganze Städte in Schutt und Asche zu legen, nachdem der militärische Sieg bereits errungen wurde, wäre beispielsweise unproportional. Ebenso wäre es unproportional, ein ganzes Flüchtlingslager zu bombardieren, um einen Hamas-Offizier auszuschalten, den man auch mit deutlich geringerem Kollateralschaden hätte treffen können, und so weiter.

Was hingegen gilt ist Folgendes: Israel ist es leid geworden, militärische Mittel einzusetzen, um politische Kompromisse oder begrenzte strategische Teilziele zu erreichen. Die Zeit ist gekommen, um zu kämpfen, um zu gewinnen – und das heisst, zu kämpfen, bis der Gegner besiegt ist.

In diesem Sinn beschreibt Segals Analyse einen tatsächlichen Strategiewechsel der israelischen Konzeptzia. Israels neue Doktrin besteht darin, überwältigende militärische Macht einzusetzen, um einen vollständigen Sieg zu erreichen.

Israel versucht nicht länger, Konflikte zu verwalten. Es versucht, sie zu entscheiden. Doch für einen gerechten Sieg zu kämpfen, ist keineswegs unproportional – es ist gerecht.

Über den Autor: 

Dr. philos. Jens Tomas Anfindsen unterrichtet seit vielen Jahren in den Bereichen Religion, Philosophie und Ethik. Er ist Leiter von MIFF DACH und Redakteur von Israelfrieden.org.