Die palästinensische Terrororganisation soll eine neue Führung wählen. Hamas bereitet sich darauf vor, interne Wahlen abzuhalten, um ihre Führung neu aufzubauen, die infolge des Krieges gegen Israel weitgehend ausgelöscht worden ist.
Ursprünglich sollte Hamas zu Beginn des neuen Jahres eine neue Führung wählen, doch nun ist die Wahl auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr verschoben worden. Die Verschiebung erfolgt zeitgleich mit Berichten über grosse interne Spannungen innerhalb der Terrororganisation.
Die neue Hamas-Führung wird vor gewaltigen Herausforderungen stehen. Internationale Mächte und Israel drängen darauf, dass Hamas entwaffnet wird. Zudem wollen sie nicht, dass Hamas künftig irgendeine Rolle bei der Verwaltung des Gazastreifens spielt.
Hamas kontrolliert den Gazastreifen seit einem blutigen Putsch im Jahr 2007. In dieser Zeit hat die Organisation enorme Ressourcen in Terrortunnel unter der Erde, Waffenfabriken und andere Terrorinfrastruktur investiert. Infolge des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 und des darauffolgenden Krieges liegen nun aber grosse Teile Gazas in Trümmern.
„Die internen Vorbereitungen zur Abhaltung der Wahlen werden fortgesetzt, sobald die Bedingungen vor Ort es zulassen“, erklärte Hamas in einer Stellungnahme gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.
Die Wahlen innerhalb der Hamas umfassen die Wahl eines neuen Schura-Rates mit 50 Mitgliedern, eines beratenden Gremiums, das von religiösen Persönlichkeiten dominiert wird. Die Mitglieder werden alle vier Jahre von den drei Zweigen der Hamas gewählt: im Gazastreifen, im Westjordanland und unter den Führern im Exil.
Auch Hamas-Mitglieder in israelischen Gefängnissen erhalten die Möglichkeit, abzustimmen.
Der Schura-Rat ist wiederum dafür verantwortlich, die 18 Mitglieder des politischen Büros der Hamas sowie den obersten Führer der Organisation zu wählen.
Nachdem Israel den Hamas-Chef Ismail Haniyeh im Juli 2024 in Teheran getötet hatte, wurde Yahya Sinwar – der Hauptarchitekt des Massakers vom 7. Oktober – zu seinem Nachfolger gewählt. Drei Monate später wurde auch er von israelischen Streitkräften in Gaza getötet.
Hamas entschied sich daraufhin für eine Übergangslösung mit einem fünfköpfigen Führungskomitee mit Sitz in Katar. Man verzichtete darauf, einen einzelnen Anführer zu wählen, aus Angst, auch dieser könnte Ziel eines gezielten israelischen Angriffs werden.
Israel führte zudem einen Luftangriff auf das neue Führungskomitee in Katar durch, doch der Angriff scheiterte, und alle fünf sollen überlebt haben.
Die Nachrichtenagentur AFP hat mit mehreren Quellen innerhalb der Hamas gesprochen. Alle verweisen auf zwei Favoriten für den Posten des neuen Hamas-Führers: entweder Khalil al-Hayya oder Khaled Mashaal.
Der 65-jährige Hayya wurde in Gaza geboren und hat die Waffenstillstandsverhandlungen im Namen der Hamas geleitet. Seit 2006 bekleidete er mehrere führende Positionen innerhalb der Organisation.
Der 69-jährige Mashaal war von 2004 bis 2017 Vorsitzender des politischen Büros. Er wurde im Westjordanland geboren und hat nie im Gazastreifen gelebt. Seit 1967 lebte er in Kuwait, Jordanien und Syrien. Die letzten 14 Jahre verbrachte er in Katar.
Hayya gilt als starker Kandidat aufgrund seiner Beziehungen zu anderen palästinensischen Fraktionen, darunter auch zur rivalisierenden Fatah-Partei, die die Palästinensische Autonomiebehörde dominiert. Zudem geniesst Hayya die Unterstützung des aktuellen Schura-Rates und des militärischen Flügels der Hamas, der Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden.
Der Hauptunterschied zwischen den beiden Kandidaten betrifft die Frage des Verhältnisses zu Iran. Hayya, der als Iran-nah gilt, möchte den bewaffneten Konflikt mit Israel im Gazastreifen fortsetzen. Mashaal hingegen, der enge Beziehungen zu Katar unterhält, soll „verhandelte Kompromisse“ anstreben, um den Krieg zu beenden.
Mashaal will Hamas zudem weniger abhängig von Iran machen und die Organisation stattdessen den sogenannten moderaten arabischen Staaten annähern, berichten Medien.
Nicht nur interne Prozesse entscheiden über die Zukunft der Hamas. Auch der Ausgang der Proteste gegen das iranische Regime ist von entscheidender Bedeutung. Ein Zusammenbruch der Islamischen Republik wäre für die Terrororganisation katastrophal.



