Amos Harel, Militärexperte der linksgerichteten israelischen Zeitung Haaretz, fasst nach den ersten beiden Kriegstagen zentrale Entwicklungen zusammen.
Die erste Phase des neuen israelisch-amerikanischen Krieges gegen Iran sei operativ ein grosser Erfolg gewesen, schreibt Harel. Bereits innerhalb der ersten 24 Stunden hätten sich Israelis und Amerikaner die vollständige Lufthoheit über der Hauptstadt Teheran gesichert.
Die Kombination aus präziser Geheimdienstarbeit und gezielten Angriffen beider Länder habe zur Tötung des obersten Führers Ali Khamenei geführt, ebenso des Verteidigungsministers, des Kommandeurs der Revolutionsgarden, des Generalstabschefs und weiterer hochrangiger iranischer Funktionäre. Militärische Ziele und strategische Einrichtungen des Regimes würden weiterhin angegriffen, ebenso Abschussrampen für ballistische Raketen.
Irans folgenschwerer Fehler
Am Morgen des Samstags, 28. Februar, habe die iranische Führung einen entscheidenden Fehler begangen, so Harel. Ein Grossteil der militärischen Spitze sei in einem einzigen Gebäude zusammengekommen.
Die Führung, überwiegend Vertreter der älteren Generation, habe trotz akuter Kriegsgefahr auf einem physischen Treffen bestanden. Khamenei und andere Spitzenfunktionäre hätten diesen Fehler mit dem Leben bezahlt – ähnlich wie zuvor bereits andere hochrangige Vertreter des Regimes. Vergleichbare Szenarien habe es im Herbst 2024 auch bei der libanesischen Hisbollah gegeben, als deren Generalsekretär Hassan Nasrallah und weitere Funktionäre bei gezielten Angriffen getötet wurden.
Khamenei habe über Jahre hinweg offen auf die Zerstörung des Staates Israel hingearbeitet. Entsprechend sei die Nachricht von seinem Tod in Israel vielfach mit Genugtuung aufgenommen worden.
Gleichzeitig mahnt Harel zur Zurückhaltung. Offiziell habe eine von Khamenei erlassene Fatwa Iran daran gehindert, die Entwicklung einer Atombombe abzuschliessen. Seine Nachfolger könnten diese religiöse Verfügung jedoch ignorieren und das Atomprogramm weiter vorantreiben, sollten sie an der Macht bleiben.
Iranische Raketenangriffe
Bislang sind im Verlauf des Krieges zehn Israelis getötet worden. Im Vergleich zum Zwölftagekrieg im Juni 2025 seien die iranischen Raketenangriffe weniger konzentriert und chaotischer verlaufen.
Eine hochrangige Quelle in den israelischen Streitkräften Israel Defense Forces (IDF) spricht von enger Koordination mit den Amerikanern – sowohl bei Angriffen auf iranisches Territorium als auch in der Raketenabwehr. Israel habe in den vergangenen Monaten Software-Verbesserungen an seinen Abwehrsystemen vorgenommen, sodass ein grösserer Anteil eingehender Raketen abgefangen werde.
Iran ziele vor allem auf Bevölkerungszentren, offenbar mit dem Ziel, möglichst viele Opfer zu verursachen, ohne sich auf spezifische strategische Objekte zu konzentrieren. Der anhaltende Raketenbeschuss seit Samstagmorgen habe weite Teile der israelischen Bevölkerung gezwungen, sich über längere Zeit in Schutzräumen aufzuhalten. Zudem richte Iran Raketen- und Drohnenangriffe gegen amerikanische Stützpunkte in den Golfstaaten.
Keine Verhandlungsbereitschaft
Trotz erheblicher militärischer Verluste zeigt die neue iranische Führung bislang keine Bereitschaft zur Kapitulation. Am Sonntag, 1. März, erklärte Ali Larijani, Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrates, man werde nicht mit den Amerikanern verhandeln.
Quellen der IDF gehen davon aus, dass der Krieg mindestens mehrere Wochen dauern könnte. Der Präsident der Vereinigte Staaten, Donald Trump, deutete eine mögliche Dauer von vier Wochen an.
Das iranische Regime habe sich seit Langem auf ein solches Szenario vorbereitet, schreibt Harel. Khamenei habe persönlich einen Plan zur Machtübertragung ausgearbeitet, falls er getötet werde. Derzeit gebe es keine Anzeichen dafür, dass die iranische Führung eine rasche Kapitulation in Betracht ziehe.
Israel intensiviert die Angriffe
Bis Montagmorgen – nach knapp zwei Kriegstagen – habe Israel rund 2000 Bomben und Raketen gegen iranische Ziele eingesetzt, etwa doppelt so viele wie die USA. Während des Zwölftagekrieges im Juni 2025 setzte Israel rund 5000 Bomben und Raketen ein. Die Intensität der aktuellen Angriffe sei damit deutlich höher als im Vorjahr.
Trump gilt nicht als Befürworter langwieriger Kriege. Die zentrale Frage sei, ob er den militärischen Druck aufrechterhalten werde, um einen Sturz des Regimes zu erreichen, oder ob er in den kommenden Tagen einem Kompromiss zustimmen werde, der das iranische Atomprogramm stark einschränkt, jedoch die bestehende Führung im Amt belässt.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu strebe offenbar eine grundlegende Veränderung des strategischen Gleichgewichts im Nahen Osten an. Dies würde allerdings mehr Zeit und zusätzliche militärische Ressourcen erfordern. Die letztliche Entscheidung liege bei Trump, der sich bislang nicht abschliessend festgelegt habe, so Harel.


