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Mit einem Waffenstillstandsabkommen wurde am 10. Oktober 2025 der seit zwei Jahren andauernde Krieg zwischen Israel und der Hamas vorerst beendet. Kurz darauf, am 17. November, verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat die Resolution 2803, welche wesentliche Rahmenbedingungen für den weiteren Friedensprozess festlegt. Auch wenn die Resolution nicht völkerrechtlich verbindlich im Sinne von Kapitel VII der UNO-Charta ist, markiert sie einen deutlichen Wandel in der diplomatischen Annäherung an den Nahostkonflikt und stellt für Israel einen Wendepunkt dar.
Entscheidend ist dabei, dass Resolution 2803 zentrale Elemente aus den 20 Programmpunkten von Donald Trumps sogenanntem „Umfassenden Plan zur Beendigung des Gaza-Konflikts“ aufgreift. Dieser Ansatz verschiebt die Methodik zur Beilegung des Nahostkonflikts grundlegend. Neben den breit rezipierten Forderungen nach Deradikalisierung und Demilitarisierung Gazas stechen insbesondere zwei Punkte hervor:
(1) Die Resolution verzichtet auf das bislang erhobene palästinensische „Rückkehrrecht“ und schafft gleichzeitig
(2) eine neue Grundlage für die territoriale Annexion und Legitimierung israelischer Siedlungen in Judäa und Samaria.
Diese diplomatische Entwicklung wäre ohne Israels strategischen Sieg im Gaza-Krieg und die weitgehende Zerschlagung des vom Iran aufgebauten Netzwerks von Stellvertretermilizen – des sogenannten „Ring of Fire“ – kaum denkbar gewesen.
Der Gaza-Krieg als strategischer Wendepunkt
Der Gaza-Krieg weitete sich rasch über den eigentlichen Gazastreifen hinaus zu einer regionalen Konfrontation mit iranisch unterstützten Akteuren aus. Während die Hamas den unmittelbaren militärischen Gegner darstellte, standen im Hintergrund Irans langfristige Strategien zur Einkreisung Israels.
Über Jahre hinweg hatte Teheran ein Netzwerk von Stellvertreterorganisationen aufgebaut, das Israel militärisch und politisch unter Druck setzen sollte. Dazu gehörten neben der Hamas im Gazastreifen die Hisbollah im Libanon, schiitische Milizen in Syrien und im Irak sowie die Huthi-Bewegung im Jemen. Dieses Netzwerk wurde in internationalen Analysen – auch bei MIFF – häufig als „Ring of Fire“ bezeichnet: ein Gürtel bewaffneter Kräfte, der Israel gleichzeitig von mehreren Seiten bedrohen sollte.
Der israelische Oberstleutnant der Reserve Shaul Bartal analysiert das nach dem 7.-Oktober-Krieg entstandene strategische Umfeld in einem Beitrag des Begin-Sadat Center for Strategic Studies (Januar 2026). Seine zentralen Befunde lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Die syrische Armee von Baschar al-Assad ist kollabiert, der Diktator ist geflohen. Israel hat den gesamten Hermon erobert und übt Feuer- und Beobachtungskontrolle über weite Teile Südsyriens aus (rund 440 Quadratkilometer).
- Die Hisbollah ist längst nicht mehr die einst formidable Organisation mit rund 150 000 auf Israel gerichteten Gefechtsköpfen. Ein grosser Teil ihrer operativen Kräfte ist gefallen, darunter auch führende Figuren wie Sayyed Hassan Nasrallah, der langjährige Generalsekretär der Hisbollah.
- Israel kontrolliert strategische Punkte im Libanon und reagiert konsequent auf fortgesetzte Verstösse gegen den Waffenstillstand. Weite Teile der Dörfer im Südlibanon liegen in Trümmern.
- Die Huthis im Jemen erlitten schwere Schläge, welche Flughäfen und Häfen zeitweise ausser Gefecht setzten und erhebliche Verluste verursachten.
- Der Iran, Hauptsponsor dieser Terrororganisationen und zentraler Akteur beim Ausbruch des Krieges, ist in schwere interne Krisen geraten. Der sogenannte „Zwölftagekrieg“ im Juni 2025 schwächte die iranischen Streitkräfte erheblich und beschädigte zentrale Atomanlagen. Die innenpolitische Lage ist hochgradig instabil; das Überleben des Regimes ist ungewiss.
Was ist im Gazastreifen geschehen?
Im Gaza-Krieg wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörden über 70 000 Menschen getötet. Nach israelischen Angaben waren davon mehr als 23 000 Terroristen, was einem Verhältnis von etwa 1:3 zwischen Kombattanten und Zivilisten entspricht – ein im Vergleich zu anderer urbaner Kriegführung aussergewöhnlich hoher Wert. Der grösste Teil der Wohnbebauung im Gazastreifen wurde zerstört.
Die Hauptziele des Krieges waren die Rückführung aller Geiseln nach Israel sowie die Zerschlagung der militärischen Fähigkeiten der Hamas. Diese Ziele wurden nahezu vollständig erreicht. Sämtliche Geiseln – lebend oder tot – wurden nach Israel zurückgebracht. Die militärische Schlagkraft der Hamas wurde massiv reduziert; ihre Fähigkeit, Raketen auf Israel abzufeuern, ist nahezu vollständig eliminiert.
Zentrale militärische Führungsfiguren der Hamas, darunter Mohammed Deif, Marwan Issa, Yahya Sinwar, Mohammed Sinwar, Raad Saad, Ahmed Ghandour und weitere, wurden ausgeschaltet. Auch die Leiter des politischen Büros der Hamas, Ismail Haniyeh und Saleh al-Arouri, wurden im Januar bzw. Juli 2024 eliminiert. Sinwar, der Haniyeh nachfolgte, wurde im Oktober 2024 getötet.
All dies stellte Israels Abschreckungsfähigkeit wieder her, indem ein ausserordentlich hoher Preis von jenen Akteuren eingefordert wurde, die den Krieg ausgelöst hatten – in erster Linie vom Iran und seinen Stellvertreterorganisationen. Die heutige israelische Doktrin lässt sich als Abschreckung durch Zerstörung der feindlichen militärischen Fähigkeiten zusammenfassen.
Die neue diplomatische Realität
Parallel zum Ende des Gaza-Krieges und dem Aufstieg Israels zur regionalen Grossmacht liegt mit der Resolution 2803 erstmals ein Sicherheitsratsbeschluss vor, der nicht mehr von der Prämisse einer durchgehend „illegalen israelischen Besetzung“ der Westbank ausgeht. Für die internationale Diplomatie bedeutet dies einen Paradigmenwechsel.
Während frühere UNO-Beschlüsse häufig als rechtliche Grundlage für Kritik an Israels Präsenz in den umstrittenen Gebieten dienten, anerkennt Resolution 2803 faktisch die Möglichkeit dauerhafter israelischer Souveränität über zentrale Siedlungsgebiete.
Resolution 2803 ist damit die diplomatische Frucht von Israels strategischem Sieg.
Das „starke Pferd“ im Nahen Osten
Israels gegenwärtige Position lässt sich durch ein im Nahen Osten weit verbreitetes politisches Konzept erklären, auf das MIFF wiederholt hingewiesen hat: jenes des „starken Pferdes“ (in diesem Zusammenhang sei auf unsere Übersetzung der Analyse von Dan Diker verwiesen). Der Begriff beschreibt die verbreitete Wahrnehmung, dass sich Staaten und politische Akteure in konfliktreichen Regionen an jene Macht anlehnen, die Stärke und Durchsetzungsfähigkeit demonstriert.
Die Logik ist einfach: Wer als stark gilt, bietet Sicherheit, Stabilität und Verlässlichkeit. Wer als schwach wahrgenommen wird, verliert Partner und Einfluss. Militärische und politische Stärke wirken daher nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern ebenso in der Diplomatie.
Nach dem Gaza-Krieg wird Israel in weiten Teilen der Region erneut als solches „starkes Pferd“ wahrgenommen. Der Zusammenbruch des iranischen Einkreisungsversuchs und die internationale Unterstützung im Zusammenhang mit Resolution 2803 verstärken diesen Eindruck. Für zahlreiche Staaten – auch solche ohne formelle Beziehungen zu Israel – verändert sich damit die strategische Kalkulation: Es lohnt sich wieder, Israels Freund zu sein.
Diese Verbindung von militärischem Erfolg und diplomatischer Neuordnung hat im Nahen Osten eine Lage geschaffen, in der politische Lösungen realistischer erscheinen als noch vor wenigen Jahren. Israels Sieg hat damit nicht nur unmittelbare sicherheitspolitische Folgen, sondern prägt auch die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen des Konflikts neu.
Auf welches Pferd würden Sie wetten?


