👁️ MIFF Fokusartikel
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In Europa sind praktizierende Christen oft die einzigen wirklich verlässlichen Unterstützer Israels. Meist handelt es sich dabei um evangelikale oder freikirchliche Christen. Ihre Israelsolidarität wird deshalb leicht als «fundamentalistisch» abgetan, weil sie sich aus einer Auslegung der Bibel speist.
Mit über 18’000 zahlenden Mitgliedern ist Mit Israel für Frieden Europas grösste pro-israelische Solidaritätsorganisation. Seit 1978 wurde sie von Tausenden Gönnern und freiwilligen Helfern aufgebaut. Die meisten von ihnen sind gläubige Juden und Christen, und viele werden ihre Verbundenheit mit dem Volk und Land Israel auch theologisch verankern.
Doch unser Verein ist ausgesprochen nicht-religiös. Wir sind parteipolitisch und religiös neutral. Unser gesamtes Argumentarium beruht auf vernunftbasierten Überlegungen: Naturrecht, Völkerrecht, Gerechtigkeit und Pragmatik. Nicht Theologie, sondern Allgemeinvernunft.
Deshalb soll es in diesem Artikel ausdrücklich nicht um religiöse Begründungen der Israelsolidarität gehen. Die Frage lautet vielmehr: Gibt es gute Gründe, weshalb auch ein säkularer Europäer Israel unterstützen sollte?
Wir meinen: Ja. Und zwar aus Gründen, die jedem vernünftigen Menschen unabhängig von Religion oder Weltanschauung zugänglich sind. Wer nach den Prinzipien der Gerechtigkeit urteilt, wer die Grundlagen der europäischen Zivilisation ernst nimmt und wer die sicherheitspolitischen Interessen unseres Kontinents nüchtern analysiert, wird feststellen, dass die Unterstützung Israels nicht eine religiöse Parteinahme ist. Sie ist die vernünftigste Position.
Denn Israel ist weit mehr als ein weiterer Staat im Nahen Osten. Seine Existenz berührt Grundfragen des modernen Rechtsstaats: das Selbstbestimmungsrecht der Völker, den Schutz von Minderheiten, die Bedeutung historischer Kontinuität und die Verteidigung von rechtsbasierten Gesellschaften gegen totalitäre Ideologien. Die Art und Weise, wie Europa über Israel urteilt, wird letztendlich viel mehr über Europa aussagen wie über Israel selbst.
Die folgenden sechs Überlegungen wollen zeigen, weshalb Europäer – unabhängig von Religion – gute Gründe haben, den jüdischen Staat zu unterstützen.
- Gerechtigkeit
Jede gerechte Lösung eines politischen Konflikts muss mit einer einfachen Frage beginnen: Wem stehen welche Rechte zu?
Das jüdische Volk gehört zu den wenigen Völkern der Welt, deren nationale Identität während mehr als drei Jahrtausenden ununterbrochen mit einem bestimmten Land verbunden geblieben ist. Jerusalem war bereits das politische und religiöse Zentrum des jüdischen Volkes, als die meisten heutigen europäischen Staaten noch nicht existierten. Diese historische Verbindung ist archäologisch, literarisch und historisch aussergewöhnlich gut dokumentiert. Sie bildet einen objektiven Bestandteil der Weltgeschichte und ist keine Frage religiösen Glaubens.
Kein anderes Volk hat das Land Israel über einen vergleichbar langen Zeitraum hinweg als Mittelpunkt seiner nationalen Identität verstanden. Selbst nach der römischen Vertreibung blieb die Verbindung bestehen. Juden lebten während aller Jahrhunderte ununterbrochen im Land, und Millionen weiterer Juden richteten ihre religiösen Feste, Gebete, Literatur und Hoffnungen auf die Rückkehr nach Zion aus. Die jüdische Nation existierte lange vor ihrem modernen Staat.
Daraus folgt zunächst ein naturrechtlicher Anspruch. Wenn das Selbstbestimmungsrecht der Völker überhaupt einen Sinn haben soll, muss es auch für das jüdische Volk gelten. Es wäre widersprüchlich, dieses Recht nahezu allen Völkern der Erde zuzuerkennen, ausgerechnet den Juden jedoch abzusprechen.
Hinzu kommt die völkerrechtliche Ebene. Nach dem Ersten Weltkrieg beschlossen die Siegermächte auf der Konferenz von San Remo im Jahr 1920, im ehemaligen osmanischen Gebiet Palästina eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten. Dieser Beschluss wurde anschliessend in das Völkerbundmandat für Palästina übernommen und erhielt damit verbindlichen internationalen Rechtscharakter. Der moderne Staat Israel entstand somit nicht als koloniales Projekt einer europäischen Grossmacht, sondern auf der Grundlage eines internationalen Rechtsakts, dessen Ziel ausdrücklich die Wiedererrichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte war.
Diese Feststellung bedeutet keineswegs, dass die arabische Bevölkerung keine Rechte besitzt. Selbstverständlich besitzt auch sie Anspruch auf Freiheit, Sicherheit, Eigentum und politische Mitbestimmung. Gerade deshalb war die internationale Diplomatie während eines Jahrhunderts bemüht, einen Ausgleich zwischen den berechtigten Ansprüchen beider Bevölkerungsgruppen zu finden.
Gerechtigkeit verlangt, gleiche Massstäbe anzulegen. Wer den arabischen Völkern das Recht auf nationale Selbstbestimmung zugesteht, kann dieses Recht nicht ausgerechnet dem jüdischen Volk verweigern.
Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass die arabische Welt heute aus 22 Staaten mit einer Fläche von rund 13 Millionen Quadratkilometern besteht. Israel umfasst dagegen lediglich gut 22’000 Quadratkilometer – rund 0,2 Prozent der Fläche der arabischen Staaten. Hinzu kommt, dass bereits 1922 etwa 77 Prozent des ursprünglichen Völkerbundmandats für Palästina abgetrennt wurden, um mit Transjordanien einen arabischen Staat zu schaffen.
Wer unter diesen Umständen selbst den kleinen jüdischen Staat für illegitim erklärt, fordert keine Gerechtigkeit, sondern einen Sondermassstab, der für kein anderes Volk der Welt gelten würde.
- Dankbarkeit
Oft hört man den Satz: «Fällt Israel, fällt auch der Westen.» Ob sich diese Prognose jemals überprüfen lässt, ist ungewiss. Erfahrung lehrt und jedoch: Wer den Ast absägt, auf dem er sitzt, handelt nicht klug.
Das Judentum hat die europäische Rechts- und Moralkultur entscheidend geprägt. Man muss weder Jude noch Christ sein noch die Bibel für göttlich inspiriert halten um diese historische Tatsache anzuerkennen. Die westliche Vorstellung von Menschenwürde, Eigentumsrecht, Rechtsstaatlichkeit, individueller Verantwortung und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ist ohne den jüdischen Beitrag nicht denkbar. Selbst viele säkulare Europäer, die sich von Religion gelöst haben, leben von moralischen und rechtlichen Überzeugungen, die in dieser Tradition entstanden sind.
Wie verhängnisvoll die Abkehr von diesen Grundsätzen sein kann, haben Europa die beiden grossen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts gezeigt: Nationalsozialismus und Kommunismus.
Gerade deshalb erstaunt die Distanz vieler Europäer zum jüdischen Staat. Man gewinnt bisweilen den Eindruck, dass manche den Zionismus gerade deshalb ablehnen, weil seine Wurzeln auch in der Bibel liegen. Das wäre jedoch ein Kategorienfehler. Selbst wenn man die Bibel ausschliesslich als historisches Dokument oder als grosse Literatur betrachtet, bleibt sie das älteste und bedeutendste Zeugnis der jahrtausendealten Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Land Israel. Gleichzeitig dokumentiert sie die Entstehung jener moralischen Grundvorstellungen, die Europa bis heute prägen.
Dankbarkeit ist deshalb mehr als ein Gefühl. Sie ist die Einsicht, dass unsere eigene Kultur nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Wer die Grundlagen der europäischen Zivilisation schätzt, hat guten Grund, auch jenes Volk mit Respekt zu behandeln, das entscheidend zu ihrer Entstehung beigetragen hat.
- Freundschaft
Man könnte einwenden, all dies begründe zwar Respekt vor der jüdischen Geschichte, nicht aber besondere Solidarität mit dem heutigen Staat Israel. Theoretisch lässt sich das jüdische Erbe würdigen, ohne den jüdischen Staat aktiv zu unterstützen. Praktisch drängt sich jedoch ein anderer Befund auf.
Wer sind heute die entschiedensten Feinde Israels? Es sind dieselben ideologischen Kräfte, die auch die westliche Zivilisation bekämpfen. Islamistische Bewegungen wie Hamas, Hisbollah oder das iranische Regime erklären ihren Hass nicht nur auf Israel, sondern ausdrücklich auch auf den Westen. Sie bekämpfen Demokratie, individuelle Freiheitsrechte, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Trennung von Religion und Staat. Israel ist für sie nicht deshalb das erste Ziel, weil es jüdisch ist, sondern weil es als Vorposten der westlichen Zivilisation im Nahen Osten gilt.
Auch in Europa lässt sich ein ähnliches Muster beobachten. Auf zahlreichen anti-israelischen Demonstrationen richtet sich die Feindseligkeit unübersehbar nicht nur gegen die israelische Regierung oder das «zionistische Gebilde». Immer wieder werden die westlichen Gesellschaften als grundsätzlich rassistisch oder kolonialistisch diffamiert, demokratische Institutionen verächtlich gemacht und terroristische Gewalt relativiert oder sogar gefeiert. Antisemitismus verbindet sich dabei oft mit einer grundsätzlichen Ablehnung der Rechtsordnung Europas.
Natürlich gilt dies keineswegs für alle Kritiker Israels. Kritik an einzelnen Entscheidungen einer israelischen Regierung ist ebenso legitim wie Kritik an jeder anderen Demokratie. Auffällig ist jedoch, dass die radikalsten Gegner Israels zugleich fast ausnahmslos Gegner der westlichen Demokratie insgesamt sind.
Der Zusammenhang ist kein Zufall. Israel und Europa teilen grundlegende Werte: parlamentarische Demokratie, unabhängige Gerichte, freie Medien, wissenschaftliche Freiheit und den Schutz individueller Rechte. Wo diese Werte angegriffen werden, geraten beide unter Druck.
Freundschaft mit Israel bedeutet daher nicht blinde Loyalität gegenüber jeder politischen Entscheidung Jerusalems. Wahre Freundschaft schliesst Kritik ausdrücklich ein. Sie bedeutet jedoch, zwischen einem Partner und seinen erklärten Feinden unterscheiden zu können. Wenn man Freundschaft mit den Juden nicht aus Dankbarkeit zu pflegen versteht, dann doch wenigstens nach der alten Devise: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.
- Schutz
Die Freundschaft zu Israel beruht nicht nur auf gemeinsamen Werten. Sie liegt auch im wohlverstandenen Eigeninteresse Europas.
Israel ist heute der wichtigste strategische Gegenspieler jener islamistischen Kräfte, die nicht nur den jüdischen Staat vernichten wollen, sondern auch den Westen bekämpfen. Hamas, Hisbollah, die Huthi-Miliz und vor allem das iranische Regime verfolgen nicht bloss regionale Ziele. Ihre Ideologie richtet sich ausdrücklich gegen die freiheitlichen Gesellschaften Europas und Nordamerikas.
Israel steht diesen Kräften seit Jahrzehnten an vorderster Front gegenüber. Seine Nachrichtendienste verhindern Terroranschläge, seine Streitkräfte schwächen militante Organisationen, seine Cyberabwehr schützt kritische Infrastrukturen, und seine Erkenntnisse fliessen regelmässig in die Sicherheitsarbeit westlicher Staaten ein. Europa profitiert davon weit mehr, als den meisten Menschen bewusst ist.
Wer glaubt, Israels Sicherheit sei ausschliesslich eine israelische Angelegenheit, verkennt deshalb die strategische Realität. Israel bekämpft Gegner, die auch Europa als Gegner betrachten. Jeder Rückschlag für Hamas, Hisbollah oder das iranische Regime erhöht letztlich auch die Sicherheit europäischer Bürger.
Europa muss deshalb nicht jede Entscheidung einer israelischen Regierung gutheissen. Es sollte jedoch erkennen, dass Israel in einem Konflikt steht, dessen Ausgang weit über den Nahen Osten hinausreicht. Die Verteidigung Israels ist deshalb nicht nur Solidarität mit einem befreundeten Staat. Sie ist ein Beitrag zum Schutz der freien Gesellschaften Europas.
- Wahrheit
Die Wahrheit währt am längsten. Das gilt auch für den Nahostkonflikt.
Der israelisch-palästinensische Konflikt ist von Propaganda, Desinformation und gezielten Lügen geprägt wie kaum ein anderer Konflikt unserer Zeit. Allzu oft bauen gutgläubige Europäer ihre moralische Verurteilung Israels auf Narrative, die einer sorgfältigen Prüfung nicht standhalten.
MIFF würde Israel nicht unterstützen, wenn sich die Vorwürfe systematischer Kriegsverbrechen oder gar eines Völkermordes als wahr erwiesen. Gerade weil wir an die Mneschenwürde glauben, würden wir solche Verbrechen unabhängig vom Täter verurteilen. Nach unserer Überzeugung halten diese Vorwürfe einer sorgfältigen Prüfung jedoch nicht stand.
Der Krieg gegen Israel wird nicht nur mit Raketen geführt, sondern auch mit Kameras, Schlagzeilen und sozialen Medien. Terrororganisationen wie Hamas haben professionelle Propagandaapparate aufgebaut, deren Aufgabe es ist, Israel als besonders grausam und unmenschlich darzustellen und den Westen mit möglichst schockierenden Bildern und Behauptungen zu beeinflussen. Da sie Israel militärisch nicht besiegen können, ist der Kampf um die öffentliche Meinung zu einem zentralen Bestandteil ihrer Kriegsführung geworden.
Leider werden viele dieser Narrative von westlichen Medien, Hilfswerken und akademischen Kreisen weitgehend unkritisch übernommen. So gelangen schwerste Anschuldigungen in den öffentlichen Diskurs, obwohl ihre Beweislage oft erstaunlich schwach ist oder sie längst durch verfügbare Tatsachen widerlegt wurden. Wer seine moralische Verurteilung Israels auf solche Narrative stützt, handelt häufig in guter Absicht – urteilt aber leider auf der Grundlage einer verzerrten Darstellung des Konflikts.
- Klugheit
Klugheit verlangt, sich nicht von Schlagzeilen, Emotionen oder Propaganda leiten zu lassen, sondern von Tatsachen und langfristigen Zusammenhängen.
MIFF ist überzeugt, dass die Vorwürfe des Völkermordes, des systematischen Aushungerns und der absichtlichen Tötung von Kindern – zentrale Narrative der gegenwärtigen Israelkritik – eines Tages als moderne Blutlügen gegen den jüdischen Staat gelten werden, so wie heute die Ritualmordlegenden des Mittelalters oder die Protokolle der Weisen von Zion. Jahrhunderte lang wurden Juden beschuldigt, christliche Kinder zu ermorden, um deren Blut für religiöse Rituale zu verwenden. Im 20. Jahrhundert galten die Protokolle der Weisen von Zion vielen als Beweis einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung. Heute wissen wir, dass es sich um verleumderische Erfindungen handelte. Ebenso werden nach unserer Überzeugung auch die gegenwärtigen Behauptungen der angeblichen israelischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht standhalten. Wir vertreten diese Auffassung nicht aus Loyalität zu Israel, sondern weil die verfügbaren Tatsachen bereits heute gegen diese Anschuldigungen sprechen – wie wir in zahlreichen Artikeln dokumentiert haben.
Fazit
Alle Europäer – religiös oder nicht – haben viel daran zu gewinnen, Israel mit Fairness und intellektueller Redlichkeit zu begegnen. Das Schicksal der westlichen Zivilisation ist enger mit dem des jüdischen Volkes verbunden, als viele wahrhaben wollen. Israel zu unterstützen ist deshalb nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der Dankbarkeit, der Freundschaft, des eigenen Schutzes, der Wahrhaftigkeit – und letztlich der politischen Klugheit.
Es nicht einzusehen, könnte Europa teuer zu stehen kommen.
Über den Autor:
Dr. philos. Jens Tomas Anfindsen unterrichtet seit vielen Jahren in den Bereichen Religion, Philosophie und Ethik. Er ist Leiter von MIFF DACH und Redakteur von Israelfrieden.org.



