Auch wenn Hamas im Rahmen des laufenden Friedensprozesses formal entmachtet und technisch entwaffnet wird, geht Israel davon aus, dass die Terrororganisation weiterhin die tatsächliche Kontrolle über den Gazastreifen ausüben wird – zumindest auf absehbare Zeit.
Nach israelischer Einschätzung wird Hamas die zivile Verwaltung des Gazastreifens bald offiziell an ein Komitee palästinensischer Technokraten übergeben. Ziel dieses Gremiums ist es, Hamas aus der Regierungsführung auszuschliessen. Dennoch erwartet Israel, dass Hamas im Hintergrund die entscheidenden Machtmittel behält, schreibt die «Times of Israel» unter Hinweis auf «das israelische Verteidigungsestablishment».
Formeller Machtverzicht – faktische Kontrolle
Im Rahmen der Waffenruhe soll eine zwölfköpfige Technokratenkommission die tägliche Verwaltung übernehmen. Hamas erklärt, alle formalen Vorbereitungen für die Machtübergabe seien abgeschlossen.
Gleichzeitig bleibt jedoch ein entscheidender Punkt bestehen: Hamas verfügt weiterhin über zehntausende bewaffnete Kämpfer, eigene Sicherheitsdienste sowie zahlreiche zivile Funktionäre in Schlüsselpositionen. Diese Strukturen ermöglichen es der Organisation, auch ohne formelle Regierungsverantwortung Einfluss und Kontrolle auszuüben.
Hamas hat seine rund 40.000 Beamten und Sicherheitskräfte bereits dazu aufgerufen, mit der neuen Verwaltung zusammenzuarbeiten. Ihnen wurde zugesichert, dass sie langfristig in neue Verwaltungs- und Polizeistrukturen integriert werden sollen.
Israels Sicht: Keine Trennung zwischen Zivil und Militär
Israel zeigt sich über dieses Szenario besorgt. Aus israelischer Perspektive gibt es keine echte Trennung zwischen Hamas’ politischem Apparat, Sicherheitskräften und militärischem Flügel. Alles wird als Teil derselben Terrorinfrastruktur betrachtet.
Daher gilt es als unwahrscheinlich, dass Israel akzeptieren wird, dass Hamas-nahe Kräfte in einer neuen Polizei oder Verwaltung tätig bleiben. Gleichzeitig räumen israelische Quellen ein, dass es vermutlich äusserst schwierig wird, Hamas-Mitglieder aus zentralen Positionen – etwa in Kommunen, Krankenhäusern oder der Polizei – vollständig zu ersetzen.
Kurzfristig kaum Veränderungen
Kurzfristig wird sich die Lage im Gazastreifen daher kaum verändern. Hamas wird weiterhin die reale Macht ausüben und versuchen, sich politisch und militärisch neu zu organisieren – auch ohne offizielle Regierungsrolle.
Die grösste Herausforderung bleibt die Entwaffnung von Hamas. Während die USA eine rasche Abgabe schwerer Waffen fordern, gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass Hamas freiwillig darauf eingeht. Israel rechnet im Extremfall mit einer jahrelangen militärischen Aufgabe, um die Organisation vollständig zu entwaffnen.
Ein alternatives Szenario ist das sogenannte „Hisbollah-Modell“: Israel würde Hamas jedes Mal militärisch angreifen, sobald neue Aufrüstungsversuche festgestellt werden.
Keine Demilitarisierung – kein Wiederaufbau
Israel kontrolliert derzeit über die Hälfte des Gazastreifens und wird sich voraussichtlich nicht vollständig zurückziehen, solange Hamas bewaffnet bleibt. Auch ein umfassender Wiederaufbau wird aus israelischer Sicht nur bei einer vollständigen Demilitarisierung Gazas möglich sein.
Fazit
Selbst bei einem formellen Machtverzicht bleibt Hamas nach israelischer Einschätzung der entscheidende Machtfaktor im Gazastreifen. Ohne echte Entwaffnung droht der Friedensprozess somit zu einer Scheinlösung zu werden.


