Die gängige Antwort lautet: Palästina. Doch das ist eher ein Propagandainstrument als die eigentliche Ursache. Für islamistische Bewegungen ist der Konflikt nützlich für Rekrutierung und PR gegenüber der westlichen Welt – einige islamistische Vertreter haben das palästinensische Leiden sogar als politisch „produktiv“ bezeichnet, wenn es dem Ansehen Israels schadet.
Es geht auch nicht nur um Land. Andere nichtmuslimische Staaten existieren auf ehemaligem Kalifatsgebiet, ohne dieselbe ideologische Fixierung auszulösen. Die Geografie erklärt diese Besessenheit nicht.
Zwar ist der europäische Antisemitismus, einschliesslich der nationalsozialistischen Propaganda der späten 1930er- und 1940er-Jahre, in Teile der Region eingesickert und hat dort zu einer Verhärtung der Einstellungen beigetragen. Doch der islamistische Judenhass ist mehr als ein importiertes Vorurteil. Er ist strukturell in die Ideologie eingebaut.
Die Kernfrage ist das Kalifat – genauer gesagt: sein Zusammenbruch. Islamisten versuchen in erster Linie nicht, den Israel-Palästina-Konflikt zu „lösen“; sie versuchen, ein islamisches Kalifat wiederherzustellen. Das osmanische Kalifat endete 1924 nach tiefgreifenden wirtschaftlichen und institutionellen Misserfolgen. Eine Erklärung dafür (verbunden mit Denkern wie Ziya Gökalp) ist, dass religiöses Recht die Last moderner Wirtschaft und moderner Staatlichkeit nicht tragen konnte. Hasan al-Banna und spätere Islamisten weigerten sich, diese Schlussfolgerung zu akzeptieren: Der Islam, so meinten sie, sei perfekt; die Muslime hätten ihn nur unzulänglich angewandt.
Das schafft ein Problem. Wenn das System perfekt ist, dann muss das Scheitern jemand anderem angelastet werden.
Hier tritt Sayyid Qutb auf den Plan. In Unser Kampf gegen die Juden (ein 1950 veröffentlichter Essay, später 1989 als Buch) deutete er den Zusammenbruch der islamischen Welt nicht als islamische Schwäche, sondern als Sabotage – verübt durch Juden. Bequemerweise verwandelt dies eine schwierige politische Realität in ein moralisches Drama: Der Islam ist nicht gescheitert; er wurde verraten.
So entsteht folgende Logik: Die Wirklichkeit sagt, dass 2+2=4 ist, aber die Ideologie braucht 5. Statt die Ideologie zu ändern, erklärt man, eine globale jüdische Verschwörung zwinge die Welt zu 4 – und die Beseitigung der Juden werde die „richtige“ Antwort wiederherstellen.
Es wäre eine düstere Komödie, wenn es auf dem Papier enden würde. Das tut es nicht. Leichen am Bondi Beach sind das, was folgt, wenn Verschwörung zur Theologie und Hass zum Plan wird.



