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Warum Israel strategisch wichtiger wird – Europa zwischen Regelideal und Realpolitik

Symbolbild: KanawatTH / iStock

✒️ MIFF Leitartikel

Europäische Politiker halten weiterhin am Ideal einer regelbasierten Weltordnung fest. Doch dieses Selbstbild gerät zunehmend in Konflikt mit der Realität. Im UNO-System dominieren autoritäre Staaten, und das Völkerrecht wird gezielt gegen jene eingesetzt, die es tatsächlich respektieren und verteidigen wollen. Gleichzeitig verschiebt sich die strategische Ordnung im Westen selbst – und Europa droht an den Rand zu geraten.

Die Diskrepanz wird immer offensichtlicher: Während Europa an Verfahren und Normen festhält, entwickelt sich eine Welt, in der Macht, Technologie und Energieversorgung über Einfluss entscheiden. In diesem Umfeld gewinnt Israel für Europa eine neue Bedeutung – oder könnte sie jedenfalls gewinnen, wenn Europa die Gelegenheit ergreift.

Eine regelbasierte Ordnung ohne Durchsetzung

Europas Aussenpolitik beruht auf der idealisierten Vorstellung, dass internationale Institutionen Konflikte ordnen und Regeln durchsetzen können. Doch diese Architektur funktioniert zunehmend nur noch formal. Im UNO-Sicherheitsrat blockieren Russland und China regelmässig verbindliche Massnahmen. In der Generalversammlung und im Menschenrechtsrat bilden autoritäre Staaten häufig Mehrheitsblöcke und prägen Agenden und Resolutionen.

Diese Staaten nutzen internationale Regeln nicht primär zur Einhaltung von Normen, sondern zu ihrem eigenen Schutz und zur Durchsetzung eigener Interessen. Europa schaut dabei scheinbar wie gelähmt zu. Für Europa entsteht daraus ein strategisches Problem: Regelkonformität in multilateralen Gremien stabilisieren das System nicht automatisch, sondern stärken häufig jene Kräfte, die es schamlos missbrauchen.

Eine neue amerikanische Prioritätensetzung

Parallel dazu verändert sich die strategische Ausrichtung der USA. Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie bewertet Partnerschaften nicht mehr primär nach historischer Verbundenheit, sondern nach ihrem konkreten Beitrag zu technologischer, militärischer und industrieller Stärke. Leistung zählt mehr als Tradition.

In diesem Rahmen entsteht eine selektive Kooperationsarchitektur, oft als „Pax Silica“ beschrieben – ein Netzwerk enger Partner zur Sicherung von Schlüsseltechnologien, Lieferketten und sicherheitsrelevanter Innovation. Israel und die USA gehören hier zu den globalen Spitzenreitern. Europa hingegen wirkt strategisch orientierungslos und gerät ins Hintertreffen. Ihre Innovationskraft ist schwach, wichtige Teile der Verteidigungsindustrie wurden abgebaut, die Energieversorgung bleibt fragil und teuer, und politische Entscheidungsprozesse verlaufen langsam. Sicherheitspolitisch bleibt Europa damit eher Konsument als Mitproduzent.

Israel hingegen ist tief in amerikanische Technologie- und Verteidigungsnetzwerke integriert. Kooperationen bei Raketenabwehr, Cyberabwehr, künstlicher Intelligenz und Nachrichtendienst sind eng verzahnt. Israels strategische Kultur – militärische Abschreckung, technologische Überlegenheit und realpolitische Entscheidungsfähigkeit – entspricht zunehmend amerikanischen Prioritäten.

Israel als strategischer Zugang

Für Europa ergibt sich daraus eine nüchterne Schlussfolgerung. Wenn Sicherheit und Einfluss zunehmend von konkreten Beiträgen abhängt, muss Europa neue Wege suchen, um strategisch relevant zu bleiben. Partnerschaften mit Israel bieten eine solche Möglichkeit.

Durch Kooperation in Verteidigungstechnologie, Cyberresilienz, künstlicher Intelligenz und Energie können europäische Staaten direkt ihre eigene Verteidigung stärken und indirekt auch enger an amerikanische Sicherheits- und Innovationsstrukturen andocken. Israel hat hier das Potenzial, als Brücke zu fungieren. Er ist ein verlässlicher Partner, über den europäische Länder Zugang zu zentralen technologischen und sicherheitspolitischen Netzwerken wiedergewinnen können.

Auch energiepolitisch gewinnt diese Beziehung an Gewicht. Israels Gasexporte eröffnen Europa eine zusätzliche, politisch stabile Versorgungsquelle in unmittelbarer Nachbarschaft. Nach den Erfahrungen mit Russland ist Energieversorgung zur sicherheitspolitischen Kernfrage geworden. Israel bietet hier eine demokratische, westlich orientierte Alternative.

Europas strategische Entscheidung

Europa steht damit vor einem Scheideweg. Es zeigt sich, dass eine regelbasierte Weltordnung ohne Machtmittel und politische Kohärenz nicht trägt. Wer in einer zunehmend kompetitiven Welt Einfluss behalten will, kann sich nicht allein auf Institutionen und Verfahren verlassen, die blockiert oder instrumentalisiert sind. Ordnung entsteht zunehmend in leistungsbasierten Partnerschaften.

Eine regelbasierte Ordnung kann nur bestehen, wenn Staaten bereit sind, ihre Grundlagen auch militärisch, industriell, technologisch und sicherheitspolitisch zu sichern. In dieser Entwicklung wächst die Bedeutung Israels für Europa – ja, sie könnte sich als lebenswichtig erweisen. Die entscheidende Frage ist, ob Europa den Ernst der Lage erkennt – bevor es zu spät ist.

 

Über den Autor: 

Dr. philos. Jens Tomas Anfindsen unterrichtet seit vielen Jahren in den Bereichen Religion, Philosophie und Ethik. Er ist Leiter von MIFF DACH und Redakteur von Israelfrieden.org.

Weiterführende Lektüre: 

Frieden durch Vorsprung, Israelfrieden.org

Israel ist nun das starke Pferd des Nahen Ostens, Israelfrieden.org

Israels strategischer Sieg und seine Bedeutung für die Siedlungen, Israelfrieden.org

Why Europe Needs Israel in Trump’s New World Order, Emmanuel Navon, Euro-Med Middle East Concil