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Gian Rudin ist Theologe und akademischer Berater im Vorstand von MIFF. In diesem Essay setzt er sich mit dem jüdischen Historiker Simon Dubnow und dessen Vorstellung einer rein geistigen, nicht-territorialen Nation auseinander.
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Die Wunschvorstellung einer geistigen Nation
Obwohl im gleichen Jahr (1860) wie Theodor Herzl geboren, stand der im heutigen Weissrussland geborene Historiker Simon Dubnow dem Zionismus zeitlebens kritisch gegenüber. Er begrüsste zwar die Ansiedelung in Palästina, aber seine Vorstellung jüdischer Nationalität war unauflöslich mit der Diaspora-Existenz verbunden.
Den massenhaften Exodus nach Vorderasien beäugte er kritisch. Vielmehr begriff er die jüdische Identität als eine Art geistiger Nation inmitten der real existierenden Staatswesen. Er erhoffte sich in der Gemengelage des untergehenden Habsburgerreiches einen Möglichkeitsspielraum für die Ausformung jüdischer Autonomie. Sein historisches Entwicklungsmodell betrachtet die geistige Form des Nationalen als die höchste Entwicklungsstufe, da sie die Bindung an ein konkretes abgegrenztes Territorium überwunden hat.
Gemeinschaft als Ersatz für Staatlichkeit
In Westeuropa hatte sich seit der Aufklärung ein jüdisches Emanzipationsmodell entwickelt, welches die jüdische Identität als individuelles, konfessionelles Merkmal zu fassen versuchte und sich so von kollektiven Ansprüchen zu lösen begann. Für Dubnow war jedoch die Gemeinschaftlichkeit ein Kernelement jüdischen Selbstverständnisses. Träger dieser Identität waren laut Dubnow insbesondere die gemeinschaftsbildenden Institutionen in der Diaspora. Er unterzog diese, dem Standard seiner Zeit entsprechend, einer soziologischen Analyse und schrieb so seine mehrbändige jüdische Geschichte mit Fokus auf die Ausformungen jüdischen Gemeindelebens. Der starke Zusammenhalt und die Pflege der Gemeinschaft dienen hier als Ersatz für Staatlichkeit und ermöglichen Selbstverwaltung.
Dubnows Schwerpunkt lag bei der Geschichte des russischen Judentums, und zu diesem Zweck liess er die Pinkassim, die Urkundenbücher der Gemeinden, sammeln und dokumentierte so das jüdische Leben in Osteuropa. Dies ist bemerkenswert, da der Organisationsgrad der jüdischen Gemeinden oft Anlass zu antisemitischen Spekulationen über einen Staat im Staat gab. Dubnow bewertete die jüdische Gemeinde als «Miniaturstaat» positiv und sah in ihr die Keimzelle jüdischer Unabhängigkeit. Er verliess seinen langjährigen Wirkort Berlin in Richtung Riga und kam dort unter ungesicherten Umständen zu Tode, als die Wehrmacht in Lettland einfiel. Gemäss seinen Memoiren hätte er gern das Grab seines Grossvaters, eines einflussreichen Talmudgelehrten, besucht. Er hatte sich von religiösen Vorstellungen losgesagt, dennoch war für Dubnow die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte eine postreligiöse Betrachtung der jüdischen Schicksalsgemeinschaft.
Der Blick vom Elfenbeinturm
Dubnows Ideal einer rein geistigen jüdischen Nation wurde von den mordenden Nazibanden wohl endgültig zu Grabe getragen. Ein Blick auf den hippen, mondänen Bondi Beach erhärtet ebenso den illusionären Charakter jener Wunschvorstellung, dass jüdisches Leben in der Diaspora die bestmögliche Form der Selbstverwirklichung darstellt. Nichtsdestotrotz hat die Abwertung des Nationalstaats sowie seiner polizeilichen und militärischen Hoheit auch heute Hochkonjunktur, insbesondere bei jüdischen Kritikern des Gedankens jüdischer Souveränität wie Judith Butler oder Omri Boehm.
Dubnow war geleitet von einer Faszination für die Vielgestaltigkeit des jüdischen Lebens in der Diaspora. Sein autodidaktischer Forschungseifer ist ihm hoch anzurechnen. Jedoch erweist sich sein Konzept eines Diaspora-Nationalismus im Lackmustest der Realität als projektiver Wunsch. Das Auseinanderbrechen der Habsburgermonarchie hat keine jüdische Autonomie ermöglicht, und auch in der Sowjetunion war der Minderheitenstatus jüdischer Menschen prekär. Die zionistische Vision Herzls, einen konkreten und politisch abgesicherten Schutzraum für jüdisches Leben zu etablieren, erweist sich als wirkmächtiger.
Boden unter den Füssen
Die Diaspora-Existenz ist ein wesentliches Element der jüdischen Geschichte, sie ist aber im Laufe der Zeit immer fragil geblieben und mannigfaltigen Bedrohungen ausgesetzt gewesen. Judith Butler fordert in ihren Plädoyers inständig, die Ungewissheit der Diaspora als ethische Grundlage für die jüdische Existenz zu betrachten. So lässt sich gut reden, wenn einem die Musse gegeben ist, sich in einem Wohnraum mit elegantem Holzboden, Cheminée und pikfeinen Kissenbezügen ganz den verschwurbelten Gedankengängen zur Befreiung des Subjekts hinzugeben.
Das Bild (oben) der modisch ganz in Schwarz gekleideten Judith Butler im New Yorker (Februar 2020) kontrastiert scharf mit den Kartoffelbauern des grenznahen Kibbuz Urim, der unter anderem von tunesischen Einwanderern und deren Nachkommen bewohnt wird. Für diese Menschen ist das Leben in Tunesien keine Möglichkeit zur Vervollkommnung des eigenen Charakters, wie es die arrogante Stimme aus Berkeley fordert. Sie sind froh, dass sie in Israel ein Zuhause haben und die Drangsalierungen des Vichy-Regimes während des Zweiten Weltkrieges der Vergangenheit angehören.



