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Ein neuer Bericht der britischen Henry Jackson Society blickt auf Israels hundertstes Staatsjubiläum im Jahr 2048. Er fragt nicht nur, wie Israel militärisch überlegen bleiben kann, sondern auch, was das Land innerlich zusammenhält. Denn die eigentliche Verwundbarkeit, so die zentrale Warnung, ist nicht militärischer Natur, sondern konzeptionell. Ohne eine klare nationale Mission, verwurzelt in jüdischer Zivilisationsidentität und übersetzt in eine verbindliche Sicherheitsdoktrin, bleibt selbst ein starkes Israel anfällig.
Dies ist eine Analyse, die sich MIFF anschliesst und in vielen Punkten bereits vorweggenommen hat.
Identität als Fundament
Der Bericht beginnt an einer Stelle, die man bei einem sicherheitspolitischen Papier kaum erwarten würde, bei der Frage nach Identität. Israel sei militärisch leistungsfähig, technologisch innovativ und wirtschaftlich widerstandsfähig. Doch all das genüge nicht, wenn der innere Kompass fehle. Die zentrale These des Berichts, aus der Feder der zwei geostrategischen Spitzenanalytiker Barak M. Seener und Dr. David Wurmser, lautet sinngemäss:
Israels Verletzlichkeit ist nicht kinetisch, sondern geistig.
Raketenabwehr und Geheimdienste können Bedrohungen neutralisieren. Aber sie ersetzen keine gemeinsame nationale Richtung. Ohne ein klares Selbstverständnis darüber, wer man ist, wofür man steht und wohin man will, bleibt selbst taktische Überlegenheit strategisch ungesichert.
Diese Frage haben wir bei MIFF bereits im Leitartikel „Keine Ausrede Israel“ aufgegriffen.
Die Region im Gleichgewicht halten
Von dieser Grundlage führt der Bericht zur regionalen Ordnung des Nahen Ostens. Israel lebt nicht im luftleeren Raum. Zwischen Iran, Türkei und den arabischen Staaten verschieben sich aktuell die Machtachsen.
Dabei rückt besonders eine Entwicklung stärker in den Vordergrund: das Entstehen einer selbstbewussteren sunnitischen Achse mit der Türkei als politischer Leitfigur. Der Wettbewerb zwischen Ankara und Teheran strukturiert den Nahen Osten zunehmend, genau jene Dynamik, die MIFF bereits mit der These vom „Gesetz der türkisch-iranischen Wippe“ beschrieben hat.
Der Bericht bestätigt diese Verschiebung. Wer Israels Zukunft denkt, muss die Rivalität zwischen schiitischen und sunnitischen Kräften verstehen. Als Folge des 7. Oktober-Krieges ist die schiitische Achse deutlich geschwächt. Irans einst gefürchteter „Ring of Fire“ ist nahezu aufgelöst, und am Tag der Veröffentlichung dieses Artikels wird Iran zudem von den USA und Israel angegriffen, in einem Krieg, der das Land militärisch stark dezimieren und möglicherweise auch den Fall des Mullahregimes herbeiführen wird.
In diesem Machtvakuum tritt nun die Türkei mit ihren beiden Stützpfeilern Ägypten und Katar als dominanter Akteur der sunnitischen Welt und als wichtigster militärischer Rivale Israels in der Region auf. Israel kann diese Kräfte nicht ignorieren, sondern muss den Fokus auf materielle Stärke legen, militärisch, technologisch, wirtschaftlich und strategisch.
Stärke schafft Handlungsspielraum
Aus Identität folgt Ausrichtung, aus Ausrichtung folgt jene Handlungsfähigkeit und Durchsetzungskraft, die in einer sich neu ordnenden Welt benötigt wird. Internationale Partnerschaften beruhen zunehmend auf materieller Verlässlichkeit, und Verlässlichkeit auf tatsächlicher Stärke. Ob im Verhältnis zu Europa, in der Auseinandersetzung um internationale Resolutionen oder beim Ausbau neuer Wirtschaftsachsen: Israel wird als Akteur nur dann erfolgreich sein, wenn es klar und standfest auftritt.
Diese Linie zieht sich auch durch MIFFs Analysen zur europäischen Realpolitik, zur Gaza Resolution 2803 und zur wachsenden Allianz zwischen Indien und Israel.
Der Henry Jackson Society-Bericht ordnet diese Entwicklungen in ein langfristiges Bild ein, in dem Israel als Knotenpunkt zwischen Europa und Asien eine neue strategische Bedeutung erhält. Wirtschaftliche Projekte, Energieverbindungen und Seewege sind hierbei nicht nur Handelsfragen, sondern Ausdruck geopolitischer Positionierung.
Im Fernglasblick auf 2048
Der hier behandelte Bericht ist umfangreich, doch seine Kernbotschaft ist einfach. Militärische Überlegenheit allein genügt nicht. Diplomatische Initiativen allein genügen nicht. Wirtschaftliche Dynamik allein genügt nicht. Erst wenn diese Machtfaktoren von einer geistig befestigte Kultur getragen werden, entsteht Stabilität.
Israel wird 2048 nur dann gefestigt sein, wenn seine äussere Stärke mit einer klaren nationalen Mission zusammenfindet.
Über den Autor:
Dr. philos. Jens Tomas Anfindsen unterrichtet seit vielen Jahren in den Bereichen Religion, Philosophie und Ethik. Er ist Leiter von MIFF DACH und Redakteur von Israelfrieden.org.
Quelle:
Seener, B. M., & Wurmser, D. (2026, 11. Februar). Israel 2048: A Blueprint for a Rising Asymmetric Geopolitical Power. Henry Jackson Society.
Das Abstract des Berichts ist hier abrufbar, der vollständige Artikel hier.


